Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1870)
- Date
- 1870-06-07
- Page
- Seite 450 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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450 des Kampfes, um den Ausgang von dem völlig irrationellen Momente abhängig zu machen: wer es am längsten aushalten könne, ohne zu Grunde zu gehen. Der Erfolg ist daher selbstverständlich: Verlust auf beiden Seiten, und bald ein Nachgeben von Seiten der Arbeitgeber, bald der Arbeitnehmer. Der Verabredung der Arbeiter gegenüber tritt natürlich bald auch eine Verabredung der Arbeitgeber auf, und diese könnte, wie es auch schon hie und da geschehen, den Strike ihrerseits Hervorrufen, um ihnen zu groß scheinende Cvncessionen an die Arbeiter unter veränderten Umständen wieder zurückzunehmen. So ist hinsichtlich der nächsten Folgen schon der Strike ein rohes und zweischneidiges Mittel. Geben wir daher auch zu, daß für manches Gewerk und an manchem Orte die Verhältnisse einzelner Arbeitergruppen durch den Strike besier, und Versäumtes nachgeholt worden, so kann doch dieses Mittel niemals als eine Lösung der socialen Frage, aber nicht einmal als eine wirkliche Verbesserung in der Lage der Arbeiter betrachtet werden. Denn gerade je allgemeiner der Strike wird, desto weniger sind seine günstigen Erfolge eine wirkliche Verbesserung. Denn eine nothwendige Folge ist die Bertheuerung der Arbeitserzeugnisse, und da diese doch von den Arbeitern selbst gebraucht werden, da die Arbeiter nur in ihrem Fache Producenten, in allen andern Dingen Consumenten sind, so fällt der Vortheil, den sie erlangt haben, bald wieder hinweg. Wenn z. D. die Bäckergesellen einen höhern Lohn und eine verminderte Arbeitszeit durch ihren Strike erfochten haben, so zahlt dies der Bäcker nicht aus seiner Tasche, sondern er schägt es auf den Preis seiner Waare, und xann dies um so eher, als alle seine Gewerksgenoffen, wenigstens an diesem Orte, in der Mitleidenschaft sind, sammtliche Arbeiter haben also ihr Brod theurer zu bezahlen. Hat sich dies aber auch auf die Fleischer, Schuhmacher, Schneider u. s. w. ausgedehnt, so ist es klar, daß die Arbeiter durch den günstigen Erfolg ihrer Strikes nichts gewonnen haben, da die allgemeine Steigerung der Preise den erreichten Vortheil wieder consumirt. Dazu ist es aber nicht einmal nothwendig, daß die Strikes durch sämmtliche Gewerke, ja selbst nicht einmal durch die Mehrzahl derselben durchgeführt worden seien. Denn die gesammte Industrie im Großen und Kleinen ist so empfindlich, daß die Preissteigerung einiger weniger Waaren schon eine allgemeine Steigerung nothwendig nach sich ziehen muß. Dies ist nicht blos bei den Handwerken der Fall, bei welchen obenein die strirenden Gesellen nach kurzer Zeit selbst Meister, d. h. Arbeitgeber werden, sondern auch in den Fabriken. Wird die Kohle theurer, so erstreckt sich die Wirkung aus die meisten Fabrikzweige; wird die Herstellung der Wollenwaaren kostspieliger, so steigern sich die Preise der baumwollenen, leinenen und seidenen Gewebe, die Preiserhöhung der Eisenwaaren muß von den meisten anderen Fabrikzweigen empfunden und getragen werden. Kurz, nach wenigen Jahren muß die Wirkung der Strikes, und wenn ihr augenblicklicher Erfolg der günstigste gewesen, wieder verschwunden sein und die Lage der Arbeiter sich gerade da wieder befinden, wo sie vorher gewesen. — Hierzu kommt, daß wahrend der Dauer der Strikes die Arbeiter erwerblos sind, also ihren Theil an dem Verlust durch das Aufhören der Production schwer zu tragen haben, wodurch der zu erlangende Dortheil oft im Voraus für lange Zeit verzehrt ist. Man hat deshalb in den letzten Jahren eine Organisation der Strikes z. B. durch ganz Deutschland versucht; man wollte Cassen errichten, in welchen im Voraus Unterstützungsmittel für die Strikenden aufgesammelt wurden, um so die Strikes eher zu ermöglichen und sie so lange andauern zu lassen, bis die Arbeitgeber nachgegeben. Wir wollen nun nicht untersuchen, ob dies gelingen könne, ob je die desfallsigen Anforderungen von den vorhandenen Mitteln gedeckt werden können — das ist aber ein sichtlich, je größere Dimensionen diese Organisation annähme, desto gefährlicher würde sie vom national-ökonomischen Siandpuncte aus. Nicht allein, weil der Verlust durch die Unthätigkeit der Production ein ungeheurer würde, sondern weil durch derartige ganze Industriezweige vernichtet werden könnten. Man würde genöthigt sein, die Waaren auf anderen Marktplätzen zu suchen, andere Bezugsquellen aufzufinden und die Verbindung mit denselben kann eine sehr folgenreiche, eine für die heimische Industrie sehr gefährliche werden, und selbst nach dem Friedensschlüsse, d. h. nach Beendigung des Strikes, kann eine wesentliche Bertheuerung der heimischen Industrie die Möglichkeit der Concurrenz mit der auswarttgen sehr schwer machen. Was wir aus der einfachen Logik hier als mögliche Folge hinftellen, ist aber bereits durch Thatsachen erwiesen und mancher Zweig der deutschen Industrie hat seine Blüthe den früheren ausgedehnten Strikes in England zu verdanken, wird aber, wenn dieses Mittel in Deutschland sich ebenso allgemein wird heimisch gemacht haben, diese Blüthe bald wieder welken sehen. Hierbei ist nicht zu übersehen, daß dem