Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1870)
- Date
- 1870-05-31
- Page
- Seite 447 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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447 heimisch sind, als unter den nieder« Clasien. Es giebt drei Nebel, die als solche nicht verleugnet werden können: drückender Mangel, Krankheit, und Verlust der Seinen durch den Tod. Die beiden letzteren sind allen Standen gleicherweise zugetheilt, und für das erstere besitzen die Reichen ihre besonderen Leiden. Alles Uebrige hangt von der Gewöhnung ab. Diese giebt das Bevürftiiß und nimmt es wieder; diese entzieht den Dingen ihren besonderen Reiz und ihre besonderen Schrecken. Nicht also von der menschlichen Gesellschaft, sondern von den Menschen als Einzelwesen scheint das Uebel nicht getrennt werden zu können, und jene Theorie des englischen Philosophen gilt nicht mehr als die der alten, daß die Oekonomie der bürgerlichen Gesellschaft des Sklaventhums nicht zu entbehren vermöge. Die Zeit hat erwiesen, daß die freie Arbeit bei denselben Arbeitskräften ungleich productiver ist. Die Macht des Stärkeren — ja, eine solche Macht besteht auch in der Bildung und in der Sittlichkeit. Bildung ist Macht, und Sittlichkeit ist Macht, Letztere sogar die höchste, denn alle Unsittlichkeit zerstört, bringt Ohnmacht und schließlich Untergang, für die Völker, wie für die Einzelnen. Daher zuerst die Macht des physisch Stärkern, dann die Macht der größer« Bildung, endlich die Macht der sittlichen Stärke. Auf Bildung und Sittlichkeit sind daher die Volksmafsen, die sogenannten Arbeiterklassen hinzuführen : dann hört ihre Benachtheiligung und ihre Ausbeutung auf. Alle anderen Mittel, höherer Arbeitslohn und geringere Arbeitszeit sind nur negative Mittel, die in kurzer Zeit ihren Nutzen wieder verloren haben. Denn die allgemeine Erhöhung der Arbeitslöhne muß nothwendig eine allgemeine Bertheuerung aller Maaren nach sich ziehen, und so geht dem Arbeiter an den Preisen der Maaren wieder verloren, was er am Preise seines eignen Producles gewonnen hat. Die Geschichte zeigt es ja auch hinlänglich, daß diejenigen, welche nach der Ausbeutung des Volkes strebten, stets in der Verdummung und in einer mechanischen Religionsübung die Mittel dazu sahen; das Volk intellectuell und sittlich auszubilden, galt bei ihnen für den Weg, auf welchem sie ihrer Herrschaft entzogen würden. -Ja, dachte ich, in den übrigen Reihen der Erdenwesen wird die Macht des Stärkern als Naturgesetz ewig herrschen, der Mensch braucht nur gebildet und sittlich zu werden und jene Macht des Stärker« verschwindet. (Fortsetzung folgte Zur Warnung von Goldberg, Lehrer in Sreele a'Ruhr. Schon oft haben Sie, geehrter Herr Doctor, nachdrücklich darauf hingewiesen, daß das jüdische Armenwefen durch Verbindung mehrer Gemeinden zu einem Verbände einer Centralisation bedarf, damit daS Schnorrerthum nach und nach aus der Welt geschafft und nur dem Würdigen ein Almosen verabreicht werde. Die fast sprüchwörtlich gewordene jüdische Wohlthätigkeit, wie sehr wird sie mißbraucht von jenen oft karawanenartig mit Sack und Pack, Frauen und Kindern herankommenden Schnorrern, die häufiger als die Schwalbeu wiederkehren, um, von Haus zu Haus ziehend, das jüdische Publicum zu belästigen. Daß aber durch diese von Generation zu Generation sich forterbende, geschäftsmäßig betriebene Bettelei auch mancher Strolch, Gauner und Bagabond herangebildet wird, liegt in der Natur der Sache; dazu kommt, daß Mancher dieser Tagediebe es versteht, sich mit dem Nimbus und der heuchlerischen Maske talmudischer Gelehrsamkeit zu umgeben, wodurch es ihnen gelingt, gutmüthige und leichtgläubige Rabbinen und Lehrer zu veranlassen, sie als religiös und der Unterstützung würdig den Gemeinden zu empfehlen. Möge man doch ja vorsichtig sein, ehe man solchen völlig unbekannten Menschen Zeugnisse und Empfehlungen ausstellt, wie oft wird gerade dadurck der Schlechtigkeit und dem Betrüge Vorschub geleistet! Einen eclatanten, factischen Beleg zu Obigem wird nachfolgendes Histörchen liefern, möge es zur Warnung dienen. Vor einigen Tagen kommt ein junger, kräftiger Mensch, mit schwarzem Haupthaar und Schnauzbart, ziemlich anständig gekleidet, nach beendetem Unterrichte zu mir in die Schule und bittet um eine Unterredung. Ich willige ein und der Mensch erzählt jetzt in geheimnißvoller Weise Folgendes: „Ich bin Oesterreicher, habe als Soldat gedient und in den letzten Kriegen mehrere Schlachten mitgemacht. Als ich vor einiger Zeit in einer mährischen Landstadt war, besuchte ich die Familie eines mir bekannten Fruchtlieferanten und traf dort einen Hauptmann meines Regiments mit der jungen Frau jenes Mannes in heftigem Wortwechsel. Der Hauptmann ließ sich zu wörtlichen Beleidigungen hinreißen, so daß die Frau mich bat, ihr beizustehen. Der Hauptmann jedoch zieht seinen Degen und schlägt auf uns beide, worauf ich in der Nothwehr ebenfalls zur Waffe greife und in meiner Aufregung den Hauptmann ersteche. Jetzt bin ich steckbrieflich verfolgt, auf der Flucht; in Bremen wurde ich, als ich eben das Schiff zur Ueberfahrt nach Amerika besteigen wollte, verhaftet; der mich begleitende Polizist ließ mich jedoch, nachdem ich ihm meine ganze Baarschaft gegeben, entfliehen und nunmehr will ich über Brüssel nach London." Wenngleich ich Anfangs dem Menschen nicht glaubte, noch glauben konnte, da es ihm an jeder Legitimation fehlte, so war doch sein ganzes Benehmen, seine mitunter von Thränen begleitete Rede, sein ganzes Anftreten der Art, daß ich für ihn eingenommen wurde, schließlich an der Wahrheit feiner Aussage nicht mehr zweifelnd, ihn selbst unterstützte und auch den Vorsteher der hiesigen Gemeinde veranlaßte, ihm eine Unterstützung auf die Gemeindecaffe anzuweisen.