Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1870)
- Date
- 1870-05-31
- Page
- Seite 448 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226767--28428-3302258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
448 Doch „Trau, schau, wem!" Wie sehr wurde ich bald enttäuscht durch die Erfahrung, daß dieser Schnorrer ein ganz raffinirter, durchtriebener Gauner war, der sich mit gemeinem zur Kirmeß ziehenden Gesindel Herumgetrieben und durch Heuchelei und Berstellungskunst die Wohlthätigkeit auszubeuten verstand. Für mich aber war es seitdem unumstößlicher Grundsatz geworden, niemals wieder einem hergelaufenen Subjecte in irgend einer Weise durch Unterschrift oder Empfehlung zur Bettelei behilflich zu sein, möge auch seine Gesere noch so haarsträubend sein, denn sicher sind 75 Procent dieser Schnorrer Schwindler und Betrüger. Vermischtes. Der Pariser „Temps" vom 16. Mai schreibt aus Turin: „Das Merkwürdigste unter allen Schöpfungen Turins ist die noch nicht ganz vollendete Synagoge der Israeliten. Sie wird wahrscheinlich die schönste und reichste Synagoge von der Welt, zugleich auch das merkwürdigste Monument Turins. -Stellen Sie sich vor: auf einem kleinen viereckigen Hügel mit harmonirenden Treppen steht ein weißer und ros» griechischer Tempel. Darüber ein wenig rückwärts eine Art zweiter Tempel. Alles dies ist von Gallerien durchzogen, mit kleinen Säulen geziert, mit tausend aumuthigen Details. Alles ist weiß und röthlich. Es ist griechisch und maurisch; es ist römisch und gothisch; es ist eine Verschmelzung der Stilarten mannigfaltigster Art, ohne Ueberladung und ohne schlechten Geschmack. Aber was aus diesem Monumente etwas ganz Seltenes und Unerwartetes macht, ist, daß über diesen verzierten, anmuthigen Constructionen sich ein man weiß nicht was? erhebt, ein massiver, bizarrer Thurm mit durchbrochenen Wänden, der an Asien und Aegypten, an Theben und an Ninive erinnert. Sicherlich, der Urheber dieses Werkes hat Phantasie gehabt. Er war der fähige Interpret des hebräischen Traumes von dem an den Ufern des fremden Stromes zu erbauenden Tempel. Niemals, seit der großen Zerstörung, mag Israel eine großartigere Statte gehabt haben, um die Hymnen Davids und Salomons zu singen. Dieses Werk ist der begabten italienischen Juden völlig würdig, der piemontesischen, lombardischen, toskanischen Juden, welche eine Macht in der Bank, in der Presse und im Parlament bilden. Suum cuique. Ein jüdisches Pariser Blatt enthält in seiner jüngsten Nummer die Bemerkung: „Berthold Auerbach, der berühmte Schriftsteller und israelitische Patriot, der einen großen Anthell an der socialistischen Bewegung von Norddeutschland im Jahre 1848 nahm. und seine Tage als Director des großen Waisenhauses von Berlin beschloß." Eine etwas genauere Bekanntschaft mit einem so hervorragenden Glaubensgenossen wäre unserem geschätzten französischen Collegen doch zu wünschen. Berthold Auerbach war niemals Socialist, hat glücklicherweise seine Tage noch heute nicht beschlossen, so wenig wie seine schöpferische Kraft bis jetzt versiegt ist, und war auch niemals Waisenhausdirector. Letzteres beruht auf der Verwechselung mit dem sei. Baruch Auerbach. _ Der Buddhismus, diese Jdealreligion einiger moderner blasirter Schwärmer, verbietet die Tödtung eines Thieres, sei es auch zu unserem Nutzen oder um einen Schaden zu verhindern (vgl. unsere Weltbewegenden Fragen Bd. II. S. 137. 143.). Deshalb eine große Vermehrung der Raubthiere in Indien, so daß nach stattstischen Mittheilungen von 1861—1867 in Indien 13,500 Menschen von Tigern, Leoparden, Hyänen getödtet wurden (so viele bekannte, wie viel nun unbekannte Personen?'.) Der Buddhismus opfert also den Thieren, was die römische und spanische Inquisition der Kirche opferte. Die Judcngasse in Frankfurt a. Main, freilich längst nicht mehr von Juden bewohnt, verschwindet immer mehr, indem der Magistrat die Häuser ankauft und niederreißen läßt, um die Gaffe zu verbreitern. Das Stammhaus Rothschild's und das Geburtshaus Börne's stehen noch. Das alte „Hepp-Hepp!" wird von den Ultramontanen Ungarns neuestens wieder mit einer Erbitterung gerufen, als befänden wir uns mitten im Zeitalter der Kreuzzüge und nicht im neunzehnten Jahrhundert. So wurde in der Osterwoche d. I. in der Gegend von Matra eine aus der erzbischöflichen Lycealdruckerei zu Erlau hervorgegangene Brandschrift vertheilt, in welcher „das christliche Ungarvolk in der Matra" gewarnt wird vor der Wahl eines Juden als Deputirten in den Pester Reichstag. Die Brochüre strotzt von den niedrigsten Berdächttgungen und Verleumdungen gegen die Juden. Wir wollen kein Pröbchen aus diesem Schandbüchlein anführen. Anekdote. Ein nettes Anekdötchen wird aus Kalisch berichtet, wo bei einer Schulrevision der anwesende Pope einen jüdischen Schüler ftagte, welchen Bekenntnisses Moses gewesen sei. Der Gefragte stutzte, besann sich aber bald und antwortete: mosaischen Bekenntnisses. Nein', rief erzürnt der Pope, er war rechtgläubig (griechisch)! Selbst Moses muß sich in Polen die Russificirung gefallen lassen. (8i non e vero, e den trovato.) Verlag von Baumgärtuer's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Berautwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.