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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-31 · Heft 22 (31.5.1870) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 22 (31.5.1870)
Date
1870-05-31
Page
Seite 446 (sequence 18)
Language
German
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446 zahl Menschen viele Millionen aufhäufen und ihren oft so verdienstlosen und nichtsnutzigen Nachkommen überliefern sehen, wahrend Tausende am Hungertuche nagen und ihre unschuldigen Kinder im Elend verkümmern sehen — ist das nicht breiter, dunkler Schatten? Wenn wir die Triller einer Sängerin, die Pas einer Tänzerin wahrhaft mit Schätzen belohnt wissen, während der geniale Componist, der geistreiche Dichter sich für den täglichen Erwerb zu Tode arbeitet — ist es da nicht dumpf und feucht? Wir wollen diese „faulen Flecke im Staate Dänemark", Gesellschaft genannt, nicht weiter verfolgen: der einsame Mann auf der Gallerie des Thurmes kann ihnen doch keine Heilung bringen. Aber Tausende müssen arbeiten bei Mangel und Entbehrung, um Einen reich zu machen zum Ueberfluß. Dabei geschieht noch nichts, was „Unrecht" hieße; das Unrecht liegt in den Verhältnissen, über welche weder der Einzelne noch die Gesellschaft Herr ist. Es ist die Macht des Stärkeren, die das menschliche Recht gezwungen ist anzuerkennen und zu sanctioniren, weil sie naturgemäß ist, wie die Macht des Raubvogels über mein armes Vögelchen, das auch nicht blos durch die physische Macht des Stärkeren, sondern auch durch die Schwäche seines Verstandes unterlag, und weil es noch ungleich toller würde, wenn jene Rechte, aus denen die gedachten Uebel entspringen, angetastet oder gar beseitigt würden. Ich konnte mich von dieser Gedankenreihe noch nicht losmachen. Ich sagte mir, es ist unwahr, wenn gegenwärtig die mechanischen Arbeiter oder vielmehr ihre Wortführer, die meist gar keine Arbeiter sind, und am wenigsten arbeiten wollen, so großen Larmruf erheben, daß sie die allein benachteiligten und ausgebeuteten seien. Geht es der Mehrzahl derer, welche geistig arbeiten, anders? Was müssen die jungen Leute, die sich der Wissenschaft oder einem auf wissenschaftlicher Bildung beruhenden Berufe widmen, arbeiten, ihre Kindheit und ganze Jugend hindurch ihren Geist anstrengen, ohne daß ihnen Unterstützung gewährt wird, wie viele Prüfungen bestehen, bis ihnen gestattet wird, für kärglichen Lohn eine mühevolle, im günstigen Falle mittelmäßig ausgestattete Carriöre zu betreten! Und dabei die viel höheren Anforderungen, welche ein geistig vertieftes Leben und der Stand mit sich bringen! Hier ist oft ein weit drückenderes und sorgenvolleres Proletariat als bei den mechanischen Arbeitern ... Ich ging noch weiter, ich fragte mich: sollte die Theorie jenes englischen National-Oeconomen (Malthus), nach welcher von der menschlichen Gesellschaft das Elend ganz untrennbar sei und mit ihr in den Kauf genommen werden müsse, wirklich wahr sein? . . . Mich schauderte. An diesem äußersten Ende angelangi. mußte ich nothwendig umkehren. Soeben rauschte ein Platzregen aus einer vorübereilenden Wolke auf die dürstende Erde nieder, welche die heiße Vormittagssonne langst alles Thaues beraubt hatte. Es wurde kühler und frischer, und das Rasseln der großen Tropfen durch die Luft klang fast melodisch in mein Ohr. Ich hatte mich unter einen Mauervorsprung gestellt, und blickte in den etwas verdunkelten Raum, hinter welchem jedoch schon wieder die leuchtenden Sonnenstrahlen zu funkeln begannen. Solch' ein erftischender Regen fiel auch in meine glühende Seele. Das Bild aus der Natur, wo gerade in der Verdunkelung der Segen herniederkam und die schwarze Wolke auf dem blauen Himmelsgewölbe ftuchtbar und lieblich war, wirkte auf mein Gemüth zurück. Alles, erklang es in mir, was du da gedacht, ist wahr, aber nicht im Entferntesten entscheidend. Ja, wenn das Glück des Menschen, wenn seine Freuden und Leiden, fein Charakter und der Grundton seiner Stimmungen von den äußeren Gütern, von Reichthum, Ansehen und Macht abhingen, dann wäre es schlimm auf dieser Erde, eine Holle von Millionen, ein Paradies für Wenige. Aber es ist nicht so. Ich erinnere mich, da ich als Student in einem Dachstübchen wohnte, wie glücklich ich war, welch' ein Eden mir meine wissenschaftlichen Studien und Arbeiten bereiteten, und wie ftöhlich ich die vier Treppen hinunter und hinauf stieg, als ich allmälig des günstigen Fortgangs meiner Studien gewiß ward. Ich saß oft lange nach Mitternacht bei meinen Folianten, die ich mit unbeschreiblicher Freude aus der Bibliothek zusammenschleppte, und hätte schwerlich mit einer Ballnacht oder mit der reichdotirten Stellung eines Buchhalters getauscht. Und was ich so an mir selbst erfahren, beobachtete ich spater nicht selten in den Hütten der Armuth, mit denen mich nicht blos mein Amt als jüdischer Seelsorger, sondern auch als ich mehrere Jahre Mitglied des Gewerberathes war, in Berührung brachte. Ich überraschte da am Sonntag Morgen den Arbeiter, der reinlich gekleidet, mit weißer Wasche angethan, glatt rasirt, sein jüngstes Knäbchen auf den Knien reiten ließ, während die Frau mit sorgsamer, aber beftiedigter Miene ein nach ihren Begriffen leckeres Mahl für den Mittag bereitete. Welch' Glück strahlte aus den Gesichtern und Blicken, klang aus dem Gelächter und dem Geschwätz! Frage, wie oft ich gleicher unumwundener Heiterkeit in den Salons der Reichen getroffen! Freilich, die Arbeiter, wie sie in den Schenken am Bier- und Branntweintische sitzen und sich geriren, können nicht als Muster und Maßstab dienen. Die Unbildung und die Roheit sind das Unglück der Masse, wie die Habgier und Ehrsucht das Unglück der Reichen. In der That, Licht und Schatten sind bei beiden vertheilt. Das Glück des Menschen ruht in seinem eigenen Herzen , in seiner Anschauung und Vorstellung. Ich höre Diesen und Jenen hierüber lachen und es als großväterisch bespötteln. Aber es ist Vieles wahr, was bei den Vätern für ausgemacht galt, und man wird noch zu manchem Ausspruch des vorigen Jahrhunderts zurückkehren. Die Statistik erweist, daß ein ungemein größerer Procentsatz der Selbstmörder den gebildeten Classen angehört, und dies giebt einen vollwichtigen Beweis, daß unter diesen Unglück und Berzweifiung mehr

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