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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-31 · Heft 22 (31.5.1870) · p. Seite 445

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 22 (31.5.1870)
Date
1870-05-31
Page
Seite 445 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Feuilleton-Beilage;u Nr. 22. Leipzig, den 31. Mai 1870. Betrachtungen vom Thurme. Mein Blick hatte sich zum Himmel erhoben. Plötzlich rauschte es über meinem Haupte. Aus der obersten Thurmöffnung, dicht unter der Krone, fuhr ein Raubvogel, eine Weihe mit dunklem Gefieder, heraus, und schurrte mit den Säumen ihrer Scdwingen an der Mauer herab. Auf dieses Geräusch hin flog aus einem kleinen, in einer Nische klebenden Neste ein Bögelchen ängstlich zwitschernd hervor und flatterte wie zur Flucht umher. Aber die Weihe stieß auf daffelbe nieder und einen Augenblick spater flogen einige kleine Federn um mein Gesicht. Ich war sehr ergriffen und betrübt. Warum war ich dies? Weiß ich nicht längst, daß die Oekonvmie dieser Erdenwelt darauf angelegt ist, daß der Stärkere sich des Schwächeren bemächtige und ihn verspeise? Was kann der Stärkere dafür, daß ihm nichts Anderes übrig bleibt, und die Kraft gegeben worden, den grausamen Act zu vollziehen? Vielleicht, könnt' ich mich trösten, ist es so eben nur auf der Erde, und in anderen Welten findet nur ein gerechter Austausch statt. Auch ist es mir ja bekannt, daß der weise Schöpfer der Stärkeren immer nur eine geringere Zahl, der Schwächeren eine ungleich größere geschaffen hat, so daß von den letzteren immer noch ein bedeutender Theil seines Daseins ungestört sich zu freuen vermag. Endlich führen diese Schwächeren gegen noch Schwächere denselben Vernichtungskrieg. Der Wurm, den das Böglein zerstört, kann zwar nicht zwitschern und schreien, aber es thut ihm auch weh und er wird ebenso aus der „süßen Gewohnheit des Daseins" geriffen. Oder betrübte es mich besonders, die List zu gewahren, die der Raubvogel mit seiner Stärke verband, und durch die er den Gegenstand seines Verlangens aus seinem sicheren Versteck herausscheuchte und sich so zur leichten Beute gewann? Gewöhnlich ärgert man sich darüber, wenn ein Feigling sich so bethören läßt und durch feine» Unverstand geradezu in die Schlinge fliegt, die ihm gestellt worden. In solchem Falle pflegt man den Tropf nicht zu bedauern, sondern meint, es sei ihm recht geschehen. Mag sein, -wie ihm wolle; meine Gedanken lenkte der Vorgang zu denen zurück, die mir immer im Sinn und Herzen liegen, den Menschen. War es nicht also immerfort bei den Menschen gewesen? Ging nicht auch bei diesen stets „Macht vor Recht", und gewann nicht alle Zeit „die Politik von Blut und Eisen" die Oberhand? Und auch hier war es eine gewöhnliche Erscheinung, daß die Schwächeren ihre letzte Verschanzung Preis gaben und auf dem Wege flohen, der sie in die Klauen ihres Machthabers führte. Allerdings verspeist man die Menschen nicht, und des Mordens wird man mit der Zeit überdrüssig. Man thut dies nur, um Andere abzuschrecken oder die Unverbefferlichen zu beseitigen. Man beutet sie lieber aus; man macht sie zu Sklaven, Leibeigenen, Unterthanen mit beschränktem Verstände und dergleichen. Das nützt und schafft. Aber die Civilisation? Nun ja, sie mildert die Form und mindert in Etwas die Gelegenheiten; sie stellt Satzungen der gesellschaftlichen Ordnung auf, und dringt darauf, sie zu erhalten. Aber sie vermag das Wesen nur langsam zu ändern. Ich sage langsam, um doch Etwas zuzugestehen. So lange die Millionen Bajonette aufgepflanzt sind» kann ich mich nicht überzeugen, daß die Macht des Stärkeren nicht regiere. Und wenn dies auch nickt wäre, so liegen die Verhältnisse so, daß die Ausbeutung des Schwächeren durch den Stärkeren doch nicht verhindert werden kann. Hier oben, nicht von dem Treiben des Lebens umgeben, stellen sich eigenthümliche Ansichten ein, die man unten vielleicht nicht vertreten möchte. Dieser Thurm ist vom Lichte der Sonne übergoffen, und dennoch wirst er einen langen, breiten Schatten auf die Erde drunten. Um diesen Thurm strömt die Luft vie volle, freie Bewegung ihrer Wellen; der Wind pfeift durch die Fenster und Schalllöcher, und die Stöße des Orkans fallen mit ganzer Wucht auf feine Wände und Spitzen. Dennoch ist es in seinem Innern dumpf und feucht, und oft fließt das Wasser innen von seinen Mauern. So ist es mit Allem auf Erden. Was ist heiliger als das Recht des Eigenthums und das der Persönlichkeit des Individuums? Beide Rechte sind der Sonneuglanz und die freie Luft, durch welche allein Alles gedeiht, sich entfaltet, strebt und schafft. Und dennoch breiten sie schwere Schatten und machen Vieles dumpf und feucht. Wenn wir eine An-

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