Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1870)
- Date
- 1870-05-31
- Page
- Seite 434 (sequence 6)
- Language
- German
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434 halb der gegebenen Verhältnisse zu lösen, bietet außerordentliche Schwierigkeiten. Es kann dieser Zustand an und für fich nicht auffallen. So großartig der Umschwung in der Stellung der unteren Volksschichten mit der neueren Zeit war, so bedeutend mußten auch die Hinderniffe sein, welche er mit sich brachte, um zu einer Ausgleichung zu gelangen. Ich sage: „innerhalb der gegebenen Verhältnisse." Denn daß in der Geschichte der Menschheit die gegebenen Verhaltniffe immerfort der alleinige Boden sind, auf welchem weiter gearbeitet werden kann und die neuen Principien sich zu verwirklichen vermögen, hat die Erfahrung unwiderleglich erwiesen. Auch die früheren socialen Zustande kamen den Betheiligten zu Gefühl und Bewußtsein, und sie versuchten eine sofortige Umwandlung durch physische Gewalt. Aber jedes Mal erwies es sich, daß das die Masse mit roher Gewalt bewaffnende Elend gegen die organisirte Macht der Gesellschaft nichts vermag. Die Sklavenwie die Bauernkriege, die Aufstände der Jacquerie und der Leibeigenen wurden ebenso unterdrückt, wie der Juniaufstand der Socialisten in Paris 1848 und wie die Zusammenrottungen der Arbeiter bald hier, bald dort in unserer Zeit. Aber ebenso ohnmächtig haben sich alle Theorien erwiesen, welche von irgend einem Principe ausgehend die völlige und plötzliche Umgestaltung der socialen Verhältnisse zu ihrem Gegenstände machten. Der Communismus und der Socialismus, die internationale Gesellschaft wie der Laffallianismus sind Wahngebilde, und zwar darum von vornherein, weil sie zu ihrer Grundlage die Vernichtung jener großen Principien haben, welche theils das Wesen der ganzen menschlichen Gesellschaft bilden, wie das Eigenthum, theils das Wesen der neueren Zeit, wie die persönliche Freiheit, aus anderen aber eine Carricatur machen, wie aus der Gleichberechtigung vor dem Gesetze, die in der freien Entfaltung aller individuellen Kräfte besteht, während jene Theorien eine Gleichberechtigung in Erwerb, Besitz und Genuß daraus machen, ohne Berücksichtigung der Individualität und der individuellen Arbeit. Sie sind einfach Hirngespinste, wie wenn man die Oberfläche der Erde völlig nivelliren, alle Höhen abtragen, alle Niederungen ausfüllen wollte. An Stelle dieser Theorien griff man allmälig zu einem practischeren Mittel, nämlich dem Strike. Dieses gegenwärtig so vielfach angewendete Mittel müssen wir etwas genauer betrachten. (Schluß folgt.) Das Gutachten über die ungarischisraelitischen Congreß-Statnten. Da es sich nicht um der Oeffentlichkeit entzogene Angelegenheiten handelt, stehen wir nicht an, hier das Gutachten zu geben, welches wir auf die Aufforderung der betr. Eongreß-Eommission in diesen Tagen abgesendet An das wohll. Präsidium der israelitischen Evngreß-Eommission in Pest. In Folge der verehrlichen Zuschrift vom 6. d. habe ich das mir übersandte Exemplar der „sanctionirten Statuten und Beschlüsse des am 10. Dec. 1868 eröffnten Landes-Congresses der Israeliten in Ungarn und Siebenbürgen. Amtliche Ausgabe. Pest, 1869" sorgfältig geprüft und gebe meine gutachtliche Aeußerung darüber von unparteiischem, objectiven Standpuncte folgender Maßen ab. Es sind mir in Ihrer Zuschrift folgende zwei Fragen zur Beantwortung vor gelegt: „1) Ob diese Statuten neue religionsgefährliche Lehren enthalten, oder überhaupt in irgend einer Weise gegen die herkömmlichen Satzungen verstoßen? 2) Ob Diejenigen, die sich auf Grund dieser Statuten bereits constituirt haben, oder noch cvnstituiren werden, wirklich als aus dem Verbände des bestehenden Judenthums auszutreten zu betrachen sind und eine neue jüdische Secte bilden?" Hiernach liegt es mir an dieser Stelle nicht ob, betreffs der gedachten Statuten und Beschlüsse irgend welche Ansicht über deren größere oder geringere Zweckmäßigkeit im Ganzen und Einzelnen oder über deren größere oder geringere Uebereinstimmung mit den Principien unbedingter Religionsfreiheit auszusprechen, sondern sie lediglich mit Bezug auf die oben angeführten Fragen vom jüdisch-religiösen Standpuncte zu beurtheilen. ad 1) Diese Frage befaßt zwei nicht identische Momente, die auch getrennt beantwortet werden muffen. Zuerst nämlich: „Ob diese Statuten neue religionsgefährliche Lehren enthalten?" Da diese Statuten durchaus nichts dogmatisches, doctrinäres oder theoretisches enthalten, vielmehr allein praktische Organisationsgegenstände betreffen, also „Lehren" überhaupt weder aussprechen noch berühren, so kann jene Frage durchaus