Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
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schaft ermögliche; es solle also nicht weniger gegeben werden als bisher, sonvern nur zweckmäßiger. Was zunächst die Lage unserer unglücklichen Glaubensbrüder in West-Rußland betreffe, so könne dieselbe nicht durch vereinzelte Gaben gelindert werden; man müsse ihnen vielmehr zu Arbeit und Verdienst verhelfen. Das beste und sicherste Mittel sei unter den jetzigen Umstanden die Auswanderung, in der man diese Leute durch eine möglichst praktische Organisation unterstützen müsse. Der Redner theilt mit, daß der Gemeindetag im Verein mit be* Alliance isra^lite universelle bereits in dieser Richmng vorgegangen sei und daß 350 russische Juden, theils Familien, theils auch alleinstehende, arbeitslustige und kräftige Männer nach Amerika befördert seien. Diese Hülse würde jedoch nur Stückwerk bleiben, wenn nicht dafür gesorgt würde, daß die Ankömmlinge auch in der neuen Welt von einem für dieselben Zwecke thätigen Counts in Empfang genommen und für die erste Zeit mit Rath und That unterstützt würden; die Gründung eines solchen Comits sei im Gange. Die Noch der russischen Juden rühre zum großen Theile daher, daß Rußland von Juden überfüllt sei, ohne daß denselben die nöthige Freiheit der Bewegung aus einem Theile des Reiches nacb dem andern gestattet sei. Daher müsse die begonnene Auswanderung in großem Maßstabe fortgesetzt und in der angedeuteten Weise organisirt werden. Zur Hebung der Armenpflege in Deutschland selbst soll eine Organisation nach Sprengeln und Bezirken mit gemeinschaftlicher Leitung und Caffe geschaffen werden, um die Lasten und Opfer gleichmäßig zn vertheilen. In ähnlicher Weise müsse das Pensionswesen für die Gemeindebeamten (Rabbiner, Lehrer u. s. w.) geordnet werden. Es müsse auf den ersten Blick wunderlich erscheinen, daß ein so pietätsvolles und wohlthatiges Volk, wie die Juden, bis aus den heutigen Tag nicht daran gedacht hat, ein geordnetes Pensionswesen für diejenigen zu schaffen, die als Gemeindebeamten ihr Leben oft unter schweren Mühen und Opfern dem Dienste der Religion geweiht haben. Bei genauerer Betrachtung sei dies fteilich sehr erklärlich, da man bei uns in früheren Zeiten diese Dienste überhaupt ohne jede Entschädigung verlangte und versah. Diese patriarchalischen Zeiten seien aber vorüber; die Laufbahn eines jüdischen Gemeindebeamten sei ohnehin keine sehr verlockende; der gänzliche Mangel eines geregelten Pensionswesens setze der Unsicherheit einer derartigen Stellung die Krone auf und trage dazu bei, die Talente abzuschrecken und in andere Bahnen zu treiben. Der Redner schließt diese klare Darlegung der Gesichtspunkte, von denen der Gemeindetag ausgehe, mit einer schwungvollen Aufforderung an die Versammelten, sich sowohl diesem Unternehmen, als auch der Alliance israölite universelle anzuschließen. Weit entfernt, den verdienten Ruhm der letzlern schmälern zu wollen, werde es vielmehr eine Hauptaufgabe des Gemeindebundes fein, ihre Wirksamkeit zu ergänzen, sie in der Erreichung ihrer Zwecke (Hebung des socialen und politischen Druckes, unter dem unsere Brüder zur Zeit in vielen barbarischen und halbcivilisirten Ländern noch schmachten) zu unterstützen. Wie gegenwärtig die Nothftage der westrussischen Juden, so solle auch künfrighin jede auswärtige Angelegenheit nur im Bunde mit der Alliance angegriffen werden, während der Gemeindebund als solcher sich vorwiegend den i nn ern Fragen der Gemeindeverfassung und Verwaltung zuwenden werde, ein Feld auf dem es gleichfalls noch undendlich viel zu wirken gebe. Am 30. September l 860 habe es in Deutschland nach dem letzten Bericht des Präsidenten Crömieu; nur circa 1500 Mitglieder der Alliance gegeben — eine Zahl, die zu der der deutschen Judenheit in kleinem Verhältniß, zu der Größe und Bedeutsamkeit der Wirksamkeit aber in keinem Verhältniß 'teht. Sobald die Organisation des Gemeindebundes vollendet Hin werde, würde solche der Alliance auch wirksam nützen können; gegenwärtig möge jeder Anwesende in seinem Kreise für Werbung von Mitgliedern und Errichtung von Zweigvereinen der Alliance ebenso wie für den Gemeindebund sorgen. (Anhaltendes Bravo.) In der nun folgenden Debatte beklagt Herr Holländer (Leobschütz) die geringe Betheiligung, die das Unternehmen bisher gesunden, und macht daraus aufmerksam, daß nach 8- 3 der provisorischen Statuten jeder Israelit, der einen Jahresbeitrag von 1 Thaler zahle, Mitglied des Verbandes werden könne. — Herr Dr. Goldschmidt weist hierauf den Vorwurf zurück, als ob die Institution des Gemeindetags eine lediglich auf Nachahmung beruhende Neuerung sei, Dieselbe sei vielmehr eine alte, auf dem Boden des Judenthums gewachsene Einrichtung. Vor etwa 250 Jahren hätten zwei derarttge Gemeindetage, gleichfalls aus der freien Wahl der Gemeinden hervorgegangen und größtentheils aus Laien bestehend, über administrative Angelegenheiten getagt: die Versammlungsorte seien merkwürdigerweise ebenfalls wieder Meßplätze gewesen (Lublin und Jaroslaw); die aus jenen Gemeindetagen gefaßten Beschlüsse besitzen wir noch unter dem Titel riiL»>rr rrmx n-nn (Satzungen der vier Länder). — Herr Keller (Cöln) macht von einem jüngst in seiner Gemeinde eingelaufenen Schreiben der Alliance isra&ite universelle Mittheilung, welches zur Aufnahme russisch-jüdischer Waisenkinder aufforderte; Paris sei mit der Ausnahme von 30 Waisen vorangegangen, Köln werde deren 10 aufnehmen. Der Gemeindetag habe manchen Gegner gefunden von ftommer Seite, weil derselbe zu gleicher Zeit mit der Synode getagt, also wohl auch deren reformatorische Tendenzen theile. Die Herren Holländer und Kohner erklären, daß diese Auffassung aus einem bedauerlichen Mißverständniß beruhe; der Gemeindelag habe mit dem religiösen Leben im engern Sinne, mit dem Ceremonialwesen u. s. w. nichts zu schaffen. Herr Kohner erinnert daran, daß der Gedanke des Gemeindetags im Schooße des Leipziger Gemeindevorstandes angeregt worden sei, lange bevor man an eine Synode gedacht habe; nur aus Gründen der Opportunität sei das gleichzeittge Tagen beider Versammlungen vorgenommen worden. Der Gemeindetag habe ausgesprochener Maßen nur administrative Zwecke und sei von der Synode gänzlich unabhängig, so daß denn auch die Gemeinden Prag, Hamburg und Hannover sich dem Verbände angefchloffen hätten mit