Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
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Beilage zur Allg. Ztg. des Judenthums No. 21 Vom deutsch - israelittscheu Gemeiudetag. I. ß. Leipzig, im Mai 1870. Unsere Stadt hat, wenn die Vergleichung erlaubt ist. mit der heiligen Stadt, die einst den Mittelpunkt des jüdischen Reiches bildete, das gemein, daß sie alljährlich drei Mal jüdische Glaubensbrüder aus den verschiedensten Gegenden in ihren Mauern versammelt sieht. Es dürfte kaum eine größere Gemeinde unseres Vaterlandes geben, die nicht durch Vorsteher oder doch wenigstens durch eine Anzahl von Mitgliedern aus der Leipziger Messe vertreten wäre. Diesen Umstand glaubte der geschäftsführende Ausschuß des deutsch-israelittschen Gemeindetages mit Recht benutzen zu müssen, um in umfassenderer und wirksamerer Weise, als dies bisher geschehen konnte, für den zu gründenden Gemeindebund — sagen wir es offen heraus — zu agitiren. Uns ist selten eine uneigennützigere und verdienstvollere Agitation vorgekommen, und da dieses ebenso großartige und heilige als schwierige Werk schon in den ersten Stadien seines Entstehens nicht nur mit Gleichgültigkeit, sondern sogar mit Verkennung und Entstellung feiner wahren Zwecke zu kämpfen hat, so gestatten Sie mir wohl. Ihnen in Folgendem über die beiden Versammlungen von Mitgliedern israelitischer Gemeinden, die der obengenannte Ausschuß während der verflossenen Messe in der hiesigen Synagoge veranstaltete, ausführlich zu berichten. Die erste dieser Versammlungen fand am 28. April statt. Herr Moritz Kohner, Vorsitzender des Ausschusses, begrüßte im Namen desselben die Anwesenden, hob unter Hinweis auf die Präsenzliste die erfteuliche Thatsache hervor, daß in der Versammlung auch eine Anzahl süddeutscher Gemeinden, die sich bisher noch am lauesten zu dem Vorhaben des Gemeindetags verhalten hätten, vertreten sei, und legte dann in glänzender und von feuriger Begeisterung getragener Rede die Zwecke des in Angriff zu nehmenden Gemeindebundes dar. Mit Befriedigung müsse constatirt werden. Daß das alte Iudenthum, abweichend von andern jüngern Confesiionen, sich in völliger Harmonie mit dem Zeitgeiste befinde, ihn nicht fürchte, seine Bekenner nicht ängstlich und argwöhnisch von der modernen Culturströmung absperre. Rur habe mit diesem vorgeschrittenen Bilvungszustande die Organisation und Administration der Gemeinden nicht gleichen Schritt gehalten. Besonders aber sei die deutsche Iudenheit, die doch an Zahl nur der russischen nachstehe, an Bildung aber die höchste Stufe in der Diaspora einnehme, in jüngster Zeit einer erschreckenden täglich wachsenden Zersplitterung anheimgefallen. Es solle nun ein Centtalorgan geschaffen werden, das dieser Zersplitterung entgegenwirken, einen dauernden Verkehr unter allen Gemeinden des Vaterlandes Herstellen und die guten und ftuchtbaren Einrichtungen der einzelnen Körperschaften der Gesammtheit zuführen solle. Wie kläglich sei es aber, daß angesichts so großer und herrlicher Ausgaben von 1500 zum Beitritt aufgeforderten Gemeinden bis jetzt nur 46 dieser Einladung nachgekommen! (Auf Wunsch der Versammlung werden die Namen der 46 Gemeinden verlesen.) Es bestehe aber der Beschluß des Gemeindetags, daß mit der definitiven Gründung des Gemeindebundes nicht eher vorzugehen sei, als bis 100 Gemeinden ihren Anschluß erklärt hätten. 9üw durch schleunigste und möglichst allgemeine Betheiligung könne das Werk zu Stande kommen; es thue also Aufklärung in dieser Sache dringend noch und es sei Pflicht eines Jeden in dieser Versammlung, der sich von der Wichügkeit und Gemeinnützigkeit des Unternehmens überzeugt haben werde, als Sendbote und Vorkämpfer für dasselbe iu seiner Heimach aufzutteten. Der Redner legt nun sehr eingehend an einzelnen Fragen die Nothwendigkeit eines solchen Gemeindebundes dar. Er weist zuerst auf die brennende Frage des jüdischen Bettelwesens hin, das, jahraus jahrein von den östlichen Landern über Deutschland hereinstromeud, nicht nur eine lästige Landplage, sondern auch eine Schmach für Israel sei und auf die glänzende Stellung, die wir gegenwärtig iu Europa einnehmen, einen finsteren Schatten werfe. Kein anderes Volk, die Zigeuner ausgenommen, mache in solchen Massen die Landstraßen und in neuester Zeit die Bahnhöfe unsicher, als diese Hefe unseres Stammes. Wenn diesem Uebel nachhaltig gesteuert werden solle, so sei es nicht mit sentimentalem Mitleid, sondern mit volkswirthschastlichem Auge zu bewachten. Wenn man diese Armen nicht systematisch zum Betteln erziehen wolle, so müsse man so geben, daß es irgend einen bleibenden Nutzen für sie habe, ihnen den Eintritt in die bürgerliche Gesell-