Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- Seite 427 (sequence 19)
- Language
- German
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427 hieraus entspringt er; seine Wurzel ist im Recht und in der Wahrheit, aber sie treibt nur einen Parasiten, der meist so schnell am Stamme emporklimmt, ihn so dicht umschließt und so riesig anschwillt, daß sie ihn, wenn auck nicht erdrückt, doch in seinem Wachsthum äußerst schmälert und seine schöpferische Kraft lähmt. Denn am Ende entsteht der Neid ja nur aus dem Gefühle und Bewußtsein. daß hier etwas Tüchtiges und Bedeutendes werden will oder geworden ist, das Kleine, Nichtssagende beneidet man nicht. Der Neid sieht also richtig, erkennt das Gute und Wahre, aber seine selbstsüchtige Natur will Anderen nicht zugestehen, was er, der Neidvvlle, nicht hat und nicht kann, er sieht eine Gefahr für sich, wo ein Nutzen für Andere vorhanden ist. Er irrt darin, denn wer am Guten Theil nimmt, ihm Stütze und Förderer ist, wird auch des Verdienstes und des Ruhmes theilhaftig. Oft sah ich, daß Jemand auf diese Weise seine eigene Stellung und sein eigenes Gluck untergrub. Das ist die gerechte Strafe. Aber wem hilft diese? Der Schaden ist geschehen und kann oft nie wieder gut gemacht werden. Eine bittere Empfindung wollte sich meiner Seele bemächtigen. Das hatte mir also schon die Berührung mit einem Menschen augethan, der es gar nicht beabsichtigt hatte. Ich schüttelte sie von mir. Ich blickte in den blauen Himmel und sah die schmalen Wolken vorübergleiten, die eine kurze Weile die golvene Sonne verdeckt hatten. Nein, flüsterte es in mir, der Himmel bleibt doch blau und die Sonne golden. Wir Menschen sind immer klein, und sehen jeden schwarzen Punct, der an unserer Pupille vorüberschwebt, für eine Verdunkelung des Horizontes an. Für uns in unserem kurzen Dasein mag er eine solche sein. Die Menschheit wohnt aber ringsum auf dem ganzen Erdball, und so wölbt sich ihr immer der heitere Himmel und lächelt ihr die Sonne zu, mag hier und da noch so viel Ungewitter und schwarzes Gewölk stehen. «Fortsetzung folgt.) Nekrolog. Rabbiner Salomo» Fürst. Heidelberg, den 14. April. Ein unabsehbarer Trauerzug geleitete heute die irdische Hülle eines würdigen, hochbetagten Mannes zur letzten Ruhestätte. Bezirks- und Conferenzrabbiner Salomon Fürst dahier entschlief am 12. d. M. nach kurzem Leiden schmerzlos und ohne jeglichen Todeskampf, sanft und friedlich, wie sein ganzes Leben war. Im Jahre 1792, in der Zeit der erwachenden Morgenröthe der geistigen und gesellschaftlichen Wiedergeburt des Judenthums, von armen, aber rechtschaffenen Eltern geboren, verlor er schon im frühesten Kindesalter seinen Vater. Jndeffen vertrat nach der Wiederverheirathung seiner Mutter der zweite Vater so vollständig den Mangel des abgeschiedenen, daß die Verehrung des Verstorbenen für dessen Andenken ein so innig kindliches war, wie die väterliche Hingebung deffelben es verdiente. Er studirte nach damaliger Sitte zuerst die jüdische Talmudwiffenschaft, in welcher er sich bald auf's Rühmlichste auszeichnete. Im Jahre 1816 verehelichte er sich mit einer durch hohen Geist und tiefes Gefühl ausgezeichneten Frau, Therese, geb. Traub, welche bis zu ihrem Tode in treuer Hingebung sein höchstes Lebensglück begründete. Nachdem durch die Neugestaltung der Verhältnisse der jüdischen Bekenntnißgenofsenschast in Baden auch an deren Geistliche die Forderung wissenschaftlicher Bildung herangetreten war, bezog der Verblichene im Jahre 1822 als Gatte und Vater dreier Kinder die Hochschule Würzburg und ersetzte durch eisernen Fleiß in einem Zeitraum von drei Jahren, was in ftöherer Zeit versäumt war. Auch hier stand ihm seine Gattin hilfreich zur Seite, indem sie Tag und Nacht mit den feinsten weiblichen Arbeiten beschäftigt, den Unterhalt der Familie mit herschafien half, dadurch aber auch zugleich den Keim zu einer langwierigen Krankheit und zu ihrem ftühzeitigen Tode legte. Nach seiner Rückkehr von der Hochschule bestand er im Jahre 1824 die Staatsprüfung in allen Fächern mit solcher Auszeichnung, daß er sofort zum Dienstverweser für die beiden nach der Landeshauptstadt wichtigsten Bezirke des Landes, Mannheim und Heidelberg, ernannt wurde. Im Jahre 1827 erhielt er feine feste Anstellung für den Bezirk Heidelberg, welchem er unermüdlich und in ungebrochener Kraft bis zu seinem Ende Vorstand. Sein Bestreben war in dieser langen Zeit ausschließlich darauf gerichtet, das geschichtlich Gewordene, soweit es Berechtigung hatte, mit den Forderungen der Zeit und den Ergebniffen der Wiffenschaft in Einklang zu bringen. Dazu diente ihm nicht nur das persönliche Wirken in seiner Gemeinde und seinem Bezirke, sondern vorzugsweise der Unterricht an israelitische Studirende der Gottesgelehrtheit in Heidelberg, in welchen er das gleiche Streben zu erwecken suchte. Im Jahre 1842 zum Mitgliede des israelitischen Oberraths mit der Bezeichnung Conferenzrabbiner ernannt, benutzte er diese Erweiterung seines Wirkungskreises zur ausgiebigeren Geltendmachung dieser seiner Anschauungen. Im Jahre 1845 wirkte er für Abschaffung des Judeneides, zerstörte durch eine unter seiner Leitung von allen seinen badischen Amtsgenoffen mit ihm eingereichte Bittschrift an die Ständekammern die vielfach verbreitete Meinung, als stünden seine Glaubensgenossen in sklavischer Unterwürfigkeit selbst einer Befferstellung ihrer bürgerlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse entgegen. Er beförderte die Einführung der deutschen Sprache, des Chorgesangs und der Musik in den jüdischen Gottesdienst; er war überaus wohlthätig und beachtete dabei weder einen Unterschied des Glaubens noch