Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- Seite 426 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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426 rügen, und nun steige ich hinuter. Ich habe nichts mehr zu hoffen und nichts zu fürchten, als wie viele Male die Sonne noch über mich dahingehen, und ob mein Ende kurz und leicht oder schwer und schmerzlich sein wird." „Wurde es Ihnen denn schwer, sich hier oben an die Einsamkeit zu gewöhnen, und stiegen Sie nicht immer gern einmal zu Ihren Bekannten und Freunden hinunter?" „Anfangs wurde es mir sehr schwer; aus dem wirren Lärmen des Feldzugs, aus dem Treiben und Schaffen des Soldatenlebens wird man nicht leicht ein Einsiedler, und es war mir ein ordentliches Fest, wenn der Dienst mir gestattete, auf einige Zeit in den Kreis der Menschen zurückzukehren. Aber dies wurde bald anders. Ich habe einen Freund gekannt, der nach Amerika ausgewandert und sich dort weit im Westen angesiedelt hatte. Der kam einst zu uns auf Besuch zurück. Wie glücklich war er darüber, wie hatte sein Herz der Heimath, den Seinigen, den Freunden entgegengeschlagen! Auch empfing man ihn allgemein mit der größten Liebe. Aber wenige Wochen, und er hatte genug; er ging, wenn auch nicht eben so freudig, wie er gekommen, doch gern über das Meer zurück. Die Menschen und die Verhältnisse waren einmal anders geworden; er fand sie nicht so trefflich, so liebevoll, so friedlich, wie sie ihm aus der Ferne vorgeschwebt hatten, und sein Auge hatte sich nicht gewöhnt, über die Schatten und Flecken hinwegzusehen, und das Licht zu gewahren, an welchem es doch auch nicht fehlen mochte. So erging es auch mir, wenn ich in die Stadt hinunterkam. Je langer ich hier oben wohnte, desto weniger erfuhr ich von ihren kleinlichen Streitigkeiten und Zankereien, von ihren Feindseligkeiten und häßlichen Reibereien. Kam ich nun hinunter, so fiel ich mitten hinein, und Jeder hatte nichts Eiligeres zu thun, als die Anderen zu verklagen und zu schmähen, und Jeder hatte gerade so viel Recht wie der andere, mir aber ward es widerwärtig und ich entzog mich ihnen immer mehr. Das wurmte sie nicht wenig und sie vereinten sich bald Alle, mich für einen kaltherzigen, lieblosen Menschen zu erklären, für einen selbstsüchtigen Kerl, der für Nichts Theilnahme empfinde. Ja, Herr, da Sie mich einmal zum Sprechen gebracht, will ich Ihnen auch sagen, was ich mir so aus Allem, das ich gesehen und erfahren, zufammengerückt habe. Das größte Uebel für die Menschen, was ihnen das Herz verderbt und das Leben verkümmert, ihr größter Fehler und alles Bösen giftigste. Wurzel, ist — der Neid. Ich denke mir, selbst die Habsucht ist nicht so schlimm, denn sie hat doch immer ihre Grenzen, und will nur stets das, was nahe liegt. Aber der Neid geifert Alles an, und hat keine Schranken; der Neid stachelt den Bettler gegen den König, den Jüngling gegen den Greis, und wenn es Einem gut geht an der äußersten Küste von Amerika, ärgert sich der darüber, der in der Mitte von Europa wohnt, schmäht und verleumdet ihn und möchte ihm gern ein Bein stellen, wenn er es konnte. Der 'Neid streut Pfeffer und Salz, manchmal selbst Gift auf jede Schüffel, bittern Wermuth in jeden Becher, und, das ist eben das Schlimme, selbst wo wir nicht davon effen und trinken können und wollen. Und doch ist der Neid das kleinlichste Gefühl und das am wenigsten berechtigte, weil er eben selbst da vorhanden ist, woran wir gar nicht betheiligt sind, was uns selbst weder zum Schaden noch zum Nutzen gereicht. Sehen Sie, das erkannte ich, und darum hielt ich mich fern, selbst von meinen früheren Genoffen." Der Mann sprach so schlicht; er hatte durchaus nichts von dem Anspruchsvollen, was minder gebildete Menschen an sich zu tragen pflegen, wenn sie eine große Weisheit auszukramen glauben, daß er mir sehr gefiel und ich ihn aufforderte, mich in der Stadt einmal zu besuchen, als er sich jetzt von der Gallerte zurückzog. Seine einfache Rede hatte Eindruck auf mich gemacht, und ich spann seine Gedanken in mir weiter aus. Allerdings, dachte ich, sind Neid und Mißgunst ärger als Haß und Feindschaft. Der Feind, der mich angreift, ruft den Freund und Anhänger an meine Seite, die Menschen ergreifen Partei, sie erwärmen, erhitzen sich, und was mir der gehässige Gegner raubt, das ersetzt mir die Partei, die sich für mich erklärt, hundertfach. Wenn der Feind mich schmäht, beschimpft, Fehler und Laster mir aufbürdet, mich in jeder Weise zu erniedrigen und zu vernichten sucht,- so glauben ihm nur Wenige, und viele Andere, die sonst gleichgiltig für mich wären, suchen nach meinen Verdiensten und Vorzügen, bringen sie, oft weit über das rechte Maß, sich zum Bewußtsein, und heben sie vor der Welt hervor. So dient der Haß des Feindes oft ungleich mehr als er schadet. Er übertreibt, und dies stumpft feine Waffe ab. Aber wie ist es mit dem Neide - Er hindert uns allwege; er tritt uns unscheinbar, lächelnd entgegen; er erhebt feine Zweifel und zuckt mit den Achseln; er läßt ein Wort des Tadels einfließen, ein Wort der Verleumdung, er kühlt ab, wiegelt zurück und erklärt sich zuletzt aus sehr guten Gründen entgegen. Seine Wege gehen erst allmälig aus dem Dunkel in das Licht, der große Haufe hat den Ursprung längst vergeffen, wenn das Werk der Behinderung beendet ist, wenn unser guter -Name untergraben, wenn Jrrthum und Fehltritt uns untergeschoben sind. Ja, Satan heißt in der Ursprache zuerst der Hinderer, das Zeitwort hindern, und der eigentliche Satan ist nicht der Feind, sondern der Neidische und Mißgünstige, der nicht wie ein Sturm unsere Blüthe abbricht und unsere Frucht in den Staub wirft, ehe sie gereift ist, sondern sie langsam wie eine Raupe umspinnt, wie ein Wurm anbvhrt. Und dabei ist nicht zu vergeffen, daß der Neid in seinem Innersten ein viel schlimmeres 'Laster als der Haß ist. Dieser verblendet unser Aüge, er ist eine krankhafte Empfindung, die unsere geistige Sehkraft ergreift, und sie roch und flammend schauen läßt, was hell und von mildem Glanze ist, schwarz, dunkelschwarz, was blau wie der Himmel, lichtgrün wie das Laub im Mai ist. Der Neid aber kennt und erkennt das Recht und die Wahrheit, denn