Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- Seite 425 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -cs Zudenthums. Feuilleton-Leilage pt ttr. 21. Leipzig, den 24. Mai 1870. Betrachtungen vom Thurme. 4. Es war mir nicht beschieden, meine Einsamkeit lange zu genießen; denn kaum hatte ich mich wieder von meinem Schrecken erholt, als sich eine von mir kaum bemerkte kleine Seitenthüre öffnete und ein Mann heraustrat, der einen Umgang auf der Gallerie machte und sich danu neben mir an die Ballustrade stellte. Er war ärmlich, aber reinlich gekleidet, eine lange hagere Gestalt, ein längliches, durchwettertes Gesicht mit grauem Schnurrbart; volles Silberhaar fiel ihm an beiden Schläfen herab. Da er einmal da war, redete ich ihn an, und erfuhr, daß er feines Zeichens der Thurmwächter selbst sei. Er war einer der nicht inehr zahlreichen Beteranen, die in früher Jugend die Freiheitskriege mitgemacht. Mehrfach verwundet, kaum geheilt, erhielt er die Wächterstelle auf diesem Thurme und hatte bereits das halbe Jahrhundert seiner Dienstjahre überschritten, welcher Umstand freilich von ihm und seinen Vorgesetzten unbeachtet geblieben war. Mit soldatischer Pünktlichkeit hatte er seines Amtes gepflogen, ob gesund oder krank, ob die Sonne auf die Zinnen des stolzen Thurmes blickte oder der Orkan um deffen Quadern und durch seine Oeffnungen raste, ob Freud' oder Leid in seinem Herzen schlug: der Dienst war ihm ein ehernes Gesetz, das keine Secunde Verzögerung in der Uebung seiner Pflichten gestattete, eine unerbittliche Nothwendigkeit, die keine Nachsicht, kein Vergeben kannte. In dem Geiste eines solchen Menschen bildet sich der Gedanke, daß von der Erfüllung feines Dienstes das ganze Schicksal der ganzen Stadt, und somit der ganzen Welt abhänge. Wohl ihm, denn das ist die eigentliche Entschädigung für ein kümmerliches mühsalbeladenes Leben. „Jetzt, sagte der Mann, ist die'Stunde des Abschiedes auch für mich gekommen. Uebermorgen, Vormittags 10 Uhr tritt mein Nachfolger in die Wachtstube, und ich trete hinaus und gehe hinunter. So hat es der hochlöbliche Rath beschloffen, ohne daß ich etwa durch einen Dienstfehler dazu veranlaßt, oder mich über Etwas beklagt hätte. Aber der hochweisliche Rath hat doch Recht; denn bei meinem hohen Alter, ich zähle jetzt 7 5 Jahre, könnte es kommen, daß ich plötzlich einmal vom Sensenmann abberufen würde, und auf den Burschen, der bei mir ist, giebt's keinen Verlaß, und da könnte es ein großes Unglück für die Stadt abgeben. Hier hinauf komme ich wohl schwerlich wieder einmal, und so nehme ich Abschied auf immer. Es wird wohl bald noch tiefer hinunter mit mir gehen." „Wart Ihr denn alle Zeit allein hier ofcen?" fragte ich. „O, nein, früher weit weniger als es in den letzten Zeiten der Fall war. Es kamen sonst viele Besucher herauf, die von dem schönen hohen Thurme die Gegend sich anschauten, aber in den letzten Jahren werden ihrer immer weniger. Das muffen die Eisenbahnen machen; die Menschen reisen jetzt so viel ins Wette, an die Höhe denken sie nicht mehr, zum Himmel hinaufzusteigen haben sie keine Zeit und keine Lust mehr. Es ist ein cnrioser Anblick, dieses Wirbeln auf den fünf Eisenbahnen, die sich am Fuße dieses Thurmes treffen, wenn die langen Wagenreihen auf den geraden Schlangenlinien herbrausen, und in der Stille der Nacht hört man das Tosen der Räder und den Pfiff der Maschine bis hier oben." „Ihr mißverstandet mich, lieber Alter; ich wollte fragen, ob Ihr immer hier oben allein gewohnt habet?" „Ach so, nein, ich war verheirathet, und habe zwei Kinder gehabt. Diesen mußte es aber in dieser luftigen Höhe nicht gefallen, denn jedes derselben trug ich einige Monate nach ihrer Geburt die Stiegen hinunter, um ihre zarten Wachskörperchen dem Todtengräber zu übergeben. Mein liebes, braves Weib aber hielt bei mir aus in Sturm und Noth bis vor zehn Jahren, wo sie in meinen Armen den letzten irdischen Seufzer aushauchte." Der Mann sprach ruhig, aber ich fühlte dennoch das Zittern in seiner Stimme, und bemerkte einen leisen feuchten Giebel auf seinen noch so klaren Augen. Ich ehrte die schmerzliche Erregung des Mannes und schwieg. Er hob jedoch bald wieder an: „Da liegt nun mein ganzes Leben wie diese Landschaft vor mir, Alles hell und abgegrenzt, wie der Fluß, die Fluren, und Höhen. Da ward ich geboren, da verlor ich meine Aeltern, hier ging ich in den Krieg und kehrte zurück, dort trat ich in den Dienst, heirathete und begrub die Mei-