Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
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412 ungszugen Alexanders geschriebenen Buches bereits verständlich, denn die Zendsprache mußte, wie die Hieroglyphen und die Keilschrift, erst entziffert werden. Die heil. Schriften der Parsis nun, Aasna, Bispered und Bendidad, enthalten neben einfachen religiösen Lehren und Sittensprüchen viele mythologische Anschauungen, die der frühesten Kindheit der Menschheit angehören. Auf dem Grunde des Dualismus in Ormuzd und Ariman erhebt sich ein reiches, immer wachsendes mythologisches Gebäude, von Myriaden guter und baser Götter, Engel, Dämonen, Geister bevölkert. Es lag in der Sache, daß Liebe und Dankbarkeit nur dem Ormuzd, Furcht und Schrecken nur dem Ariman den Dienst widmeten. Durch ein jenem geweihtes Leben wurde die Herrschaft des Guten für die Welt genährt, durch alles Böse die Herrschaft des Ariman gepflegt, und auf diese Weife beiden in ihrem Kampfe neue Kraft zugeführt. Hieraus erklärt sich, daß die Anbetung des Ormuzd als Schöpfers und Erhalters immer mehr die Oberhand erlangen mußte. Sein heiliges Symbol ist das Feuer, dem daher eine außerordentliche Verehrung geweiht wurde. Man weiß, wie bei dem Volke die Gottheit nach und nach durch ihr Symbol ersetzt wird. Die Parsis wurden deshalb von jeher als Feueranbeter bezeichnet. Jetzt protestiren sie dagegen. Aber sie müffen bei jedem Gebete vorschriftsmäßig das Gesicht einem leuchtenden Gegenstände zuwenden. Bemerkenswerth ist auch im Einzelnen, daß sie jede Gelegenheit vermeiden, ein Licht auszublasen und daß sie nicht rauchen. In ihren Tempeln werden heilige Feuer genährt und jene daher als „Feuertempel" bezeichnet. Aus diesen Zuständen läßt sich denn nun auch die Reform ihrer Religionslehre verstehen, und diese fand zuerst ihren Ausdruck vor etwas mehr als dreißig Jahren in einer Art von Katechismus, nämlich in einem kurzen Dialog in Guzerati-Sprache, welchen der oben genannte Dadabhai Naoroji ins Englische übersetzte, nnd zu dessen Abfassung wahrscheinlich die Opposition gegen die christlichen Missionare veranlaßte. Führen wir aus demselben Einiges an. „Frage: An wen glauben wir, die wir zur Zarthosti-Gemeinde gehören? Antwort: Wir glauben an einen Gott, und an Niemand außer ihm. Frage: Wer ist dieser eine Gott? Antwort: Der Erschaffer der Welt, des Himmels und der Erde, der Engel, der Sterne, der Sonne, des Mondes, des Wassers, des Feuers, oder der vier Elemente, und alles dessen, was die beiden Welten ent- Frage: Glauben wir an keinen anderen Gott? Antwort: Wer an einen andern Gott außer diesem Gott glaubt, ist ein Ungläubiger und wird dafür Höllenstrafen leiden. Frage: Was ist die Gestalt unseres Gottes? Antwort: Er hat weder Gesicht noch Form, weder Farbe noch Gestalt, und ist an keinem bestimmten Ort. Es giebt keinen Zweiten wie ihn. Er ist so groß, daß wir ihn weder loben noch beschreiben, noch ihn mit unserm Geist erfaffeu können." Diese Lehre wird dann als durch Zoroaster von Gort erhalten und von dessen Schülern in den heil. Büchern niedergelegt ausgesprochen. Hinsichtlich der moralischen Lehren heißt es: „Frage: Was für Gebote hat uns Gott durch seinen Propheten, den erhabenen Zurthost gegeben? Antwort: Daß wir Gott als einen Gott erkennen, daß wir an den erhabenen Zurthost als den wahren Propheten glauben, daß wir die Religion und das Avesta als über jeden Zweifel erhaben ansehen, daß wir an Gottes Güte glauben, daß wir kein Gebot der Mazdiaschna-Religion übertreten, alles Böse meiden, uns bemühen, Gutes zu thun, und fünftnal täglich beten; daß wir glauben, daß wir am vierten Tage nach unserem Tode gerichtet werden und uns Gerechtigkeit widerfahrt. Daß wir auf den Himmel hoffen und die Hölle fürchten. Daß wir nicht daran zweifeln, daß ein Tag der Zerstörung und der Auferstehung kommen wird. Daß wir nie vergessen, daß Gottes Wille stets geschehen ist, und stets geschehen wird. Daß wir unser Antlitz beim Gebet einem leuchtenden Gegenstand zuwenden." *) *) Gegen das Christenthum und die christlichen Missionäre spricht sich dieser parsische Katechismus scharf aus. „Einige Betrüger, sagt er, geben sich für Propheten aus, um in dieser Welt Ansehen zu erlangen: sie ziehen unter der armen arbeitenden Clafse umher und reden ihnen ein, „sündigst du, so will ich für dich eintreten, und für dich beten, und ich werde dich erretten," und so betrügen sie sie, aber die Klugen unter dem Volke erkennen den Betrug." Dies geht offenbar auf die christlichen Missionäre. Die Antwort, welche die Parsis hierauf geben, ist höchst merkwürdig und bezeichnend.