Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
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411 heit zumuthet und dies von ihr entgegen nimmt, so daß es auf die besten Gründe und auf die möglichste Angemeffenheit für die gegebenen Verhältnisse ankommt, um allgemeine Zustimmung und Geltung zu erhalten. In Folge dieser Erscheinung und in ihrem Geiste entstehen mehrfach schattirte Mittelparteien, und dies bewirkt wieder, daß an die Stelle wechselnder Parteiherrschast eine Zeit der Compromiffe eintritt. Die Ultras auf beiden Seiten schmelzen zusammen; die anderen Fractionen erkennen, daß nur durch mögliche Ausgleichung unter einander etwas zu Stande gebracht werden könne, und Letzteres müsse geschehen, weil sonst ihre Mandanten, das Lolk, sie beseitigen würden, überhaupt das öffentliche Gewiffen es verlange. Da bin ich, geehrter Freund, auf dem Puncte angelangt, von welchem ich ausgegangen. Es ist dies der Zustand der Gegenwart, aber diese neue Entwickelung steht noch in ihrem Beginne und hat deshalb noch keinen festen Charakter gewonnen. Sie ist da, hat aber noch keine Energie und keinen Charakter erlangt. Ihr unsicherer Schritt wankt noch bald dahin, bald dorthin, und klammert sich selbst noch an Persönlichkeiten, die ihr den wogenden Parteien gegenüber einigen Inhalt zu bieten scheinen, wie Napoleon der III., Bismark, Beust. Mit der Zeit wird sie sich noch mehr mit dem Bewußtsein und den Begriffen der Gerechtigkeit und der Freiheit erfüllen; sie wird dadurch erstarken und im Stande sein, ihren Forderungen größeren, ja unweigerlichen Nachdruck zu geben. Es versteht sich, daß es immer Parteien geben wird; denn die Ansichten werden niemals ganz übereinstimmen, und sie müffen alle in den hervortretenden politischen Kreisen ihre Vertretung haben. Aber es kommt darauf an, daß sich die Welt der Parteiherrschaft entwindet und nur unter die Obmacht der allgemeinen Meinung kommt, welche sich auf Grundlage eines starken Rechtsbewußtseins und Rechtsgefühls über die Anforderungen des allgemeinen Wohls und über deren wirkliche Befriedigung aus allen Parteiansichlen heraus bildet, und hierzu sind meiner Meinung nach sehr wesentliche Schritte in der civilisirten Welt bereits geschehen. Freilich wird dadurch gerade ein schwankender, charakterloser Zustand zunächst bereitet; freilich glauben bei solchen Zuständen, wo eine energische Aeußerung der allgemeinen Meinung noch nicht stattfinden kann, gewiffe alte Mächte noch einmal ihr Haupt erheben zu können, wie eben am Tiber geschieht — aber ihre Enttäuschung ist unausbleiblich, und die Entfaltung jener neuen großen Phase schreitet sicher wenn auch langsam vor. Ganz besonders aber wird sich dies auf dem socialen Gebiete Herausstellen. Hier besonders wird die allgemeine Rechtsanschauung parteilos, aber in immer sichrerem Gange ihr Werk vollbringen. Sie kann hier unumwunden die zersplitterten Parteien zurückweisen, weil sie hierin von der ganzen Wucht der materiellen Berhältuiffe unterstützt wird, und hat eben nur diese Letzteren zur Heilung der vorhandenen Schäden zu überwinden, allerdings eine schwierige Aufgabe, die aber bei dem gegenwärtigen Reichthum der materiellen Hülfsmittel allmälig zu lösen ist und schon in wesentlichen Puncten eine gewiffe Lösung gefunden hat. Ohne dies heute speciell ausführen zu wollen, glaube ich, werther Freund, Sie überzeugt zu haben, daß, wenn ich die gegenwärtigen Zustände nicht als glänzende anschaue, ich ihnen eine um so höhere, folgenreiche Bedeutung zuschreibe. Ein Slick auf -ie heutigen parfis. (S ct>! u jj.) Neben dieser Reform an Brauch, Sitte und Gesetz geht aber bei den Parsis eine Reform des dogmatischen Inhalts ihrer Religion, also ihrer eigentlichen Religionslehre vor sich. Diese Umgestaltung findet geringeren Widerstand, und zwar weil bis vor 33 Jahren die Religionslehre der Parsis gar nicht fixirt war, weil die Parsis von ihren heil. Schriften., dem Zendavesta, seit langer Zeit kein Berständniß mehr besitzen, und endlich weil es bei ihnen kein Glaubenstribunal giebt, so daß der Aufgeklärte wie der blinde Haufe aus ihrem religiösen Schatze glauben kann, was er will. Bekanntlich ist man es in Europa zuerst dem Franzosen Anquetil Duperron, der als Soldat im indischen Heere diente, dann dem Dänen Rask, vorzüglich aber den Forschungen Emile Burnouf's, des Norwegers Westergaard und der Deutschen Spiegel und Hang schuldig, daß das Zendavesta der civilisirten Welt bekannt und zugänglich wurde. Wenn nun aber auch die Parsis selbst jetzt von den enropäischen Gelehrten Unterricht im Original ihrer heil. Schriften ziehen könnten, so ist damit nicht gesagt, es seien alle Theile des lange vor den Erober- 21*