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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-24 · Heft 21 (24.5.1870) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 21 (24.5.1870)
Date
1870-05-24
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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410 entfaltet. Lassen Sie mich diese meine Ansicht mit wenigen Strichen erhärten. Wenn wir in die Geschichte der Völker und Staaten zurückblicken, so gewahren wir diese entweder unter der Herrschaft eines despotischen oder absosuten Willens, oder unter der einer bestimmten Partei, oder zwei oder mehrere Parteien sind mit einander im- Kampfe begriffen, von denen die eine der anderen allmälig die Obmacht entzieht und selbst zu dieser gelangt, bis sie verfällt und einer anderen Platz macht. So rang schon im israelitischen Staate die absolute Partei der Könige mit der demokratischen der Propheten; so gewann in Athen die aristokratische Macht über die königliche, die demagogische über jene den Sieg; so überwanden in Rom die Patricier die Könige, die Plebejer jene und die Cäsaren diese; so stiegen in Deutschland der große Lehnsadel über die Kaiser, in Frankreich, Spanien u. s. w. die Könige über den Lehnsadel hinaus; so warfen in England die freiheitlichen Parteien den monarchischen Absolutismus in den Staub, während z. B. in Venedig die Oligarchie eine despotische Herrschaft übte. Mit der französischen Revolution von 1789 erstanden die Parteien im westlichen und Mittel-Europa, und es begann ein sehr heftiger Parteikampf. Die Ansichten standen principiell im schroffsten Gegensatz, das überlieferte Recht mit einem neuen, auf das Naturrecht sich stützenden — der Kampf begann, naturgemäß die Parteien in die verschiedensten Schattirungen auseinanderstufend, und mit sehr wechselvollem Erfolge. Zu welcher Entschiedenheit, ja zu welcher Wuth die Parteien es brachten, ersieht man aus den Thaten der Septembriseurs und Terroristen, aus den Straßenkämpfen von 1830 und 1848, sowie aus den Blutrachen, den Deportationen und Einkerkerungen, die jeder Reaction folgten. Ueberschauen wir den Gang, den die Dinge z. B. in Frankreich nahmen, so folgte auf den Terrorismus und das Directorium der Militärdespotismus des ersten Napoleon; aus die reactionäre Restauration das Julikönigthum, und als dies sich durchaus mit dem hohen Census identificirte, die demokratische Republik, und als diese zu einer socialistischen werden wollte, der Cäsarismus des zweiten 'Napoleon, gegen welchen sich nunmehr abermals alle Parteien erhoben haben, die, vom gemäßigtesten Liberalismus bis zum ausschweifendsten Socialismns, mit dem persönlichen Regiment nichts zu schaffen haben wollen. Es fand hier also alle Zeit ein auffälliger Wechsel statt, eine Partei löste die entgegengesetzte ab, herrschte eine Zeit lang, um dann wieder zusammenzubrechen. So war es nicht minder, wenn auch in weniger heftigen Zuckungen und Erschütterungen, innerhalb der übrigen Staaten. Die einfache Folgerung lehrt, daß keine Partei etwas Dauerndes zu schaffen vermochte, daß keine, weil sie eben in bestimmten Grundansichten bestand, die andere zu versöhnen im Stande war, sondern sie theils in der Ausführung ihrer eigenen Principien, theils durch gewaltsame Maßnahmen, um sich in der Herrschaft zu erhalten, unterdrücken oder doch unschädlich machen mußte. Aber ebenso schließt es sich daraus, daß keine dieser Parteien, zumal in ihrer schroffen Ausbildung, die ganze Nation, den ganzen Staat ausfüllte, sondern nur in einer größeren oder geringeren Minderheit. Nichts anderes bietet uns der fast schon hundertjährige Kampf dar. Das vielbewegte Europa kann demnach aus diesem Wege nicht zur Ruhe kommen und ein dauernder Zustand nicht hergestellt werden. Nun darf jedoch ein besonderer Umstand von großer Wichtigkeit nicht übersehen werden. Mitten in diesen Kämpfen, Siegen und Niederlagen der Parteien rückt die Welt doch vorwärts. Keine Partei kann ganz in derselben Weise das Heft wieder ergreifen und festhalten, wie sie dasselbe niedergelegt und verloren hatte. Sie selbst ist trotz Allem ein wenig vorwärts gerückt, oder muß den veränderten Verhältnissen Einiges ihrer Principien und Rechtsanschauungen opfern. Auch die Restauration mußte den Absolutismus aufgeben und mit der Charte beginnen, und Napoleon III. mußte cäsarisch werden, d. h. den Scheinconstitutionalismus annehmen, um seinerseits immer etwas nachgeben zu können; die Reaction in Preußen mußte eine Verfassung octroyiren, und das Conflictministerium von 1866 mußte selbst nach dem Siege Indemnität annehmen. Auch das reactionärste Cultus- und Unterrichtsministerium muß gegenwärtig andere Grundsätze bekennen als unter Friedrich Wilhelm II. und III. Dies ist denn die Grundlage, auf welcher sich ein neuer Zustand der Dinge, eine neue Phase der Entwickelung nach und nach gestaltet. Je mehr und je öfter es sich factisch herausstellt, daß die politischen und socialen Dinge durch eine Partei, zumal eine extreme, nicht vorwärts kommen, die Welt aber des allmäligen Vorwärts bedarf, je mehr ferner der politische Geist ex- und intensiv sich ausbildet: desto eher ersteht und dehnt sich aus eine allgemeine selbstständige Meinung, welche sich von den Parteien unabhängig macht, jeder derselben etwas vom Recht und der Wahr-

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