Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1870)
- Date
- 1870-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34. Jahrgang. 21 Allgemeine Zeitung -cs Iudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Heran s g eg eb en von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 24. Mai 1870. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstags, in 2 bis i'!z Bogen. Preis des Jahrgangs l Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Tblr. Inserate werden mit I '/i Ngr. für die Pctitzeile oder deren, Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Beste!» ■'urrnor» /.» . Km» ' i"** «*** Uai'** r,A Königl. Sächs. HLLpt-ZeitunzH -Brr--*- — lungen an; der Haupr-Expediiivn für beide Letztere hat sich das s-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Politische und sociale Zustände. II. — Ein Blick auf die heutigen Parsis. «Schluß.» — Die westrussischen Juden. — Literarischer Wochenbericht: Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Aus Baden. — Oesterreichischungarische Monarchie: Wien, Pest..— Frankreich,: Paris. - Rumänien: Galatz. — Rußland: Aus Litthanen. — Syrien: Kerek. Feuilleton-Beilage: Betrachtungen vom Thurme. IV. — Nekrolog. — Vermischtes. — Anekdote. Leitende Artikel. Bonn, 15. Mai. Politische und sociale Zustände, n. Sie erkennen, werther Freund, an, daß meine Charakterisirung der jeweiligen Zustände eine unparteiische sei. Und dies erstrebte ich auch. Es ist eben jetzt eine Zeit, und es gehört dies zur Signatur derselben, wo nicht, nach jenem antiken Spruche, der Bürger den Tod verdient, welcher keine Partei ergreift. Wer wie ich bereits seit vier Jahrzehenden mit der politischen und socialen Welt lebt, ihre Gedanken mildenkt, ihre Gefühle mitfühlt, und alle Stadien ihrer Entwickelung aufmerksam beobachtet, auf sich wirken laßt und ihre Wirkungen auf die Sphäre Anderer und Aller zu erfassen strebt. der kann, noch dazu unter den Abendschatten des Lebens, die unbedingte Geltung einer einzelnen Partei nicht annehmen und sich ihr unbedingt ergeben. Es tritt ihm immer mehr das Leben der Menschheit in allen ihren Theilen und in allen ihren Zeiten als ein Ganzes, Zusammengehöriges vor die Seele, dessen einzelne Züge erst durch ihre lebensvolle Verbindung mit einander zu einem Bilde, zu einer Gestalt werden. Lasten Sie mich nebenbei bemerken, daß dies für das betreffende Individuum eine große Wohlthat ist; denn die Täuschungen des Lebens bleiben nicht aus, und wenn hierdurch der Werth und die Bedeutung der Individuen, ihre Größe und Lauterkeit sehr verliert, so ist es unschätzbarer Gewinn, in den einzelnen Gesammtheiten der Menschen und in der Totalität der ganzen Menschheit einen erhabenen Ersatz, die Verwirklichung der Idee, das lebendige, werdende und wachsende Ideal zu finden. Aber Ihre Hauptfrage geht ja nun dahin: wie haben wir uns jene Zustände der Gegenwart aus dem allgemeinen Gesichtspunct, aus den beiden jüdisch-religiösen Axiomen der göttlichen Providenz und der Entwickelung des Menschengeschlechtes heraus zu erklären? Ich will auch hier meine Antwort einfach und bestimmt voranstellen. Ich halte diese Abschwächung der Parteien, ohne daß das Ringen und Kämpfen um das Princip und dessen Verwirklichung aufhört und stille steht, für ein bedeutungsvolles Ziel der civilisatorischen Entwickelung, indem sich daraus eine selbstständigere öffentliche Meinung, ein allgemeiner Wille, der auf seinen eigenen I Füßen steht und über die Parteien hinausragt, allmälig