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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-17 · Heft 20 (17.5.1870) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 20 (17.5.1870)
Date
1870-05-17
Page
Seite 407 (sequence 19)
Language
German
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407 das dir unschätzbar dünkt, dir jedenfalls unersetzbar ist — du stehst da, du willst es nicht glauben, kannst es nicht begreifen, vermagst dich nicht zu wehren und erzitterst in dem innersten Marke deiner Seele! . . . Jndeß, was willst du thun? Du kannst dich nicht vom Platze rühren, du mußt ausharren, der Schlag dröhnt fort und fort in deine Ohren, aber endlich hört er doch auf, und nun fangen die Schwingungen und Vibrationen an, und summen und klingen lange Zeit noch, daß dein Herz nicht zu vergessen vermag, was über dich gekommen — aber endlich verstummt es doch, Rur die Thatsache bleibt in ihrer ganzen Wichtigkeit und beherrscht zwar nicht mehr dein Leben, aber schmerzt und betrübt dich dennoch, so oft du darauf stößt. Der Unterschied ist also der: das Berhängniß begleitet uns wie der Schlag der Glocken durch unser ganzes Leben, von der Stunde der Geburt bis zur Stunde des Todes. Oft überhören wir ihn lange Zeit; dann wieder macht er sich uns bemerklich und zwar schwächer oder stärker, je näher wir dem Thurme des Geschickes sind; mit einem 'JDiale aber läßt er seine ganze Klangfülle in unser unbewachtes Ohr strömen, wenn wir am wenigsten es ahnten, daß wir davon fast erdrückt werden .. . Und können wir es ändern? Man sagt uns: seid auf Eurer Hut, seid stets auf eine Aenderung eures Schicksals gefaßt, habt immer den Schild vor Eurer Brust und den Helm auf eurem Haupte, damit Ihr gerüstet seid gegen das, was Euch treffen kann ... leere Mahnung: Wir vermögen es nicht, denn tausend Dinge ziehen unseren Geist von dieser ewigen Thorwacht ab, und welch'ein trauriger Dienst wäre es! Nein, was wir zu thun vermögen, ist, daß wir mit dem Gedanken der Flüchtigkeit dieses Lebens und der Vergänglichkeit aller Besitzthümer unsere Seele durchträuken, und mit der Ueberzeugung der göttlichen Lorsehung und des jenseitigen Daseins erfüllen. Diese müsien der Grundton sein, auf welchen unsere Seele gestimmt ist, der Resonanzboden, von welchem alle Melodien unseres Herzens, die heiteren wie die trüben, zurücktönen. Dann werden wir zwar vor den stärkeren oder schwächeren Schlägen des Geschickes nicht geschützt sein — das sollen wir ja auch gar nicht — wohl aber immer die Kraft besitzen, sie zu verwinden, uns von ihnen nicht dermaßen erschüttern zu lasten, daß unsere Seele darüber aus ihrem Gefüge geht. Ich war jetzt aufmerksam geworden und da hörte ich, was mir früher entgangen, den Pendelschlag des Uhrwerks, den regelmäßigen, nimmer rastenden, aus der Glockenkammer heraus, durch die Schallössnungen des Thurmes. Ach, der freie Blick in die weile Umgegend, die Erhebung über das Gewühl der Menschen, der frische Athemzug der leise bewegten Luft hatten mich diesen Pendelschlag überhören lasten. (Fortsetzung folgt.» Nekrolog. Professor vr. Wolfgang Wessely. Prag, den 26. April. Am 7. Tage des Pastahfesies brachte der Telegraph die für alle gebildeten Kreise hiesiger Stadt höchst betrübende 'Nachricht vom plötzlichen Ableben des Hrn. Profest or Wolfgang Wessely in Wien, wohin er sich zwei Tage zuvor, um seine Versetzung in den Ruhestand vom Cultusminister zu verlangen, begeben hatte, hierher. Am 24. fand auf dem jüdischen Friedhofe in Wien eine Leichenfeier statt, bei welcher unter zahlreicher Theilnahme und in Anwesenheit bedeutender Notabilitäten Dr. Jellinek die Leichenrede hielt. Dann wurde auf Beranlastung der Gattin des Verblichenen die Leiche von Wien nach Prag überführt und fand gestern das Leichenbegängniß in feierlicher Weife statt. Dem sechsspännigen Leichenwagen, welcher mit dem Doctorhut und Degen, mit zwei goldenen Ketten als Zeichen der juridischen und philosophischen Doctorwürde, und mit zwei Lorbeerkränzen, der eine mit schwarz-roth-goldenen Bändern von der Lesehalle der deutschen Studenten, der andere mit einem weißen Bande von dem Vereine zur Unterstützung unbemittelter isr. Slubirenden gespendet, behängen war, folgten, unter Vorantritr der Pedelle, der Universitätsrector Herr Or. Peter, die Decane der Professoren- und Doeroreneollegien der juridischen'und philosophischen Facultät und beinahe der gesammte Lehrkörper derselben. Außer diesen wurden in dem langen Zuge auch mehrere katholische Geistliche und viele Staatsbeamte bemerkt. Daß in demselben alle Klassen der jüdischen Bevölkerung vertreten waren, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Tie Leichenrede hielt Hr. Or. Stein, dessen intimster Freund der Berewigte gewesen. Mit vor innerer Erregung zitternder Stimme schilderte er das Leben, «stteben und Wirken^ des Heimgegangenen auf dem Gebiete der allgeo. einen Wissenschaft, wie auch aus dem der isr. Religion, wobei er an Spr. 22. B. 2'.) ankuüpste, und in Schmerz und Wehmurh athmenden Worten hob er den Verlust hervor, welchen beide durch das Hinscheiden Wessely's erlitten; kurz es war eine Leichenrede, wie sie nur der Freund an der Bahre des Freundes hallen kann. Auch der Rabbiner Hr. Pros. Adler verlieh am Grabe seinem und rem allgemeinen Schmer; in kurzer ergreifender -Nede Ausdruck. Was Wessely für Juden und Judenrhmn gerhan und gewirkt, wurde schon bei seinem Leben so allgemein bekannt und auch so allseitig anerkannt, daß ich es für überflüssig erachte, jetzt nach seinem Tode auf seine Verdienste um dieselben hinzuweisen, ich beschränke mich daher aus die Mircheilung einiger mir bekannten biographischen Daren. Er war am 17. Octvber 1864 in Trebirsch in Mähren geboren. Seine armen Eltern wollten ihn für den Rabbinerstand, damals das höchste Ziel und Glück für jüdische Eltern, heranziehen. Zu diesem Behufe schickten sie ihn im Jahre 1818 nach Prag, wo er seit damals seinen bleibenden Aufenthalt hatte. In Prag setzte er seine

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