Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1870)
- Date
- 1870-05-17
- Page
- Seite 406 (sequence 18)
- Language
- German
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406 uns die Bewegung nur auf vorgezeichneten Pfaden und in einem gewissen Umkreis gestatten. Das Vermögen, die Fähigkeit und Kräfte unserer Seele bilden den Erdboden, von welckem wir uns nicht entfernen können, und die Gesetze, die in ihnen walten, sind die blaue, graue oder schwarze Kuppel, die über unsere Seele gestülpt ist. Wir mögen uns einbilden, daß dies die einzigen Fähigkeiten und Gesetze des Geistes sind, weil wir keine anderen kennen; in der Wirklichkeit wird es wohl anders sein. Und die Bewegung innerhalb dieser Beschränkungen, ist sie nicht immer von Anstößen und von Antrieben abhängig, die meist von außen kommen, denen wir gern folgen, wenn sie uns gefallen, die wir aber sehr drückend finden, wenn wir durch die Umstände gezwungen sind, ihnen nachzugeben, uns mit ihnen zu beschäftigen. Da drängte sich mir die Frage auf: wie ist es denn da mit der alten Streitfrage, ob Freiheit des Willens oder Vorausbestimmung, oder Nothwendigkeit, der wir unbedingt anheimgegeben? Die Frage, antwortete ich mir, ist nur für diejenigen va, welche nur die eine Seite, diese oder die andere, ins Auge fasten. Stelle nur dreist statt des „Oder" ein „Und", und du hast das Richtige gesagt. Die Selbstbestimmung des Menschen ist eine Thalsache, und die Beschränkung und Gebundenheit seines Willens ist ebenfalls eine Thatsache. Wer eine dieser Thatsachen leugnet, ist eben blind gegen sie. Es ist eben nur eine freie Bewegung auf dieser Erde, von der ich nicht fort kann, und mit der farbigen Glocke über mir, die ich aber mit mir nehme, wohin ich will. Wer hat mich gezwungen, diesen Thurm zu besteigen? Da ich aber zur Höhe wollte, mußte ich ihn hinausteigen, also Freiheit und Zwang verbunden. Man entgegnet mir: ein inneres Bedürfniß nöthigte dich den Thurm zu besteigen, also lag doch ein Zwang darin. Aber vermochte ich nicht, dieses Bedürfniß zu überwinden? Gewiß, denn ich habe dies schon oft gethan. Und dieses Bedürfniß war, wenn ich nacksinne, auch nur ein Erzeugnis eines unbewußten Sehnens und bewußten Wollens. Eine halbe Freiheit, eine gebundene Freiheit ist keine Freiheit, entgegnet man mir. Dies „Entweder — Oder" ist ein leeres Wort, und würde dem Satze gleichen: es giebt keine Kunst, weil der Künstler an den Stost und an Vorbilder gebunden ist. Rein! Unser Selbstbewußtsein erweist uns unsere Selbstbestimmung. Denn wie auch aus der dunklen Tiefe des Empfindeus und Begehrens die streitenden Elemente heraufsteigen: darüber fchwebt und webt der freie Gedanke, der aus diesen Elementen den Willen, das Wort und die That gestaltet. Und ebenso überzeugt uns das Leben davon. Wäre nur Nothwendigkeit und Borausbestimmung, woher dieses wirre Treiben, dieser gewaltige Kampf aller Einzelnen wider einander, in welchem wir nur mit Mühe, aus den Millionen heraus und durch lange Zeiten hindurch einen Gedanken und einen Plan erkennen, während Rothwendigkcit und Gesetz Ordnung und Wiederholung wie in der Natur auch in dem Abkreisen der Mensckenwelt hervorbringen müßten. Wie weit aber nun diese Freiheit und diese Gebundenheit deS Menschen gehen, in wiefern sie sich widerstreben und ausgleichen, das wollen wir den Philosophen überlasten. Thatsachlich ist es in den einzelnen Menschen sehr verschieden, wie die willensstarken und Willensschwächen Menschen erweisen. So weit war ich in meinem Sinnen und Trachten gekommen; ich stand längst wieder, wenn auch auf einer anderen Seite des Thurms, über die Balustrade geneigt da; ich hatte sogar die Außenwelt ganz vergesten, sah weder Horizont noch Marktplatz, sondern verlor mich auf dem schlüpfrigen Pfade, der in die innersten Kammern des Menfchengeistes führt — da fuhr ich, bis in das Mark erschrocken und erzitternd, zusammen. Fürchte nichts, theurer Leser, dem ich all' dies Selbstgeplander erzähle, es hatte mich kein Schwindel ergristen, auch weder eine Lust noch eine Verzweiflung, mick von dieser Höhe mitten unter diese kleinen unten wohnenden Figuren zu stürzen. Vielmehr: neben mir sing es an zu knarren und zu dröhnen, und mit Einem Male erklang ein furchtbarer Schlag, ein überwältigender Ton erst enrmal, dann wiederholt — die dicht neben mir befindliche Glocke schlug die volle Stunde, und eine andere die Zahl der Stunde, es schlug neun. Die Schläge erdröhnten so plötzlich und so ungeheuerlich — ich hatte sie nie aus so unmittelbarer Nähe gehört — daß ich einige Augenblicke ganz außer mir war und im innersten Marke erbebte. Auch als ich mir bewußt geworden, was sie waren und bedeuteten, waren mir diese übermächtigen Klänge schmerzhaft und widerwärtig. 3ch brauchte lange Zeit, um mich zu erholen, um so mehr, als die Glocke noch lange, nachdem sie zu schlagen aufgehört, nachzitlerte und erst allmälig in leiseren Schingungen summend zur Ruhe gelangte. Wie? rief ich aus, steigt das Bedürfniß, das vielgestaltige, der Menschen auch in die Einsamkeit des Thurmes hinauf, um seine Befriedigung zu suchen, und läßt uns niemals in ruhige Selbstbetrachtung uns versenken, ohne uns gewaltsam heraus zu stören? Fürwahr, wenn es den meisten Menschen höchst unangenehm ist, ihren eigenen Betrachtungen überlasten zu sein, so haben sie dafür trefflich gesorgt, nur selten und auf kurze Zeit ihnen verfallen zu können. Doch das war nur ein flüchtiger Gedanke. Andere, schmerzlichere erhoben sich in meinein Gemüth. So, sagte ich zu mir, haben wir das Berhängniß zu unserer Begleitung, auch wenn wir es am wenigsten vermuthen! So läßt es plötzlich seinen furchbaren Schlag ertönen, der uns überwältigt und fast niederschmettert, je unerwarteter er gekommen. Du hältst dich für sicher, du überläßt dich dem freien Fluge oder den stillen Reizungen deiner Seele, oder der Arbeit, die du so sehr liebst — es ist dies Alles so harmlos und dabei nutzbringend; du erwägst die Schätze, die dir geworden und die du dir erworben, und die just auf dem Markte des Lebens nicht, wohl aber auf der Wageschale der Liebe und der Wahrheit von Gewicht sind — da, mitten heraus, wird dir eines der edelsten deiner Kleinode genommen, eines,