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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-17 · Heft 20 (17.5.1870) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 20 (17.5.1870)
Date
1870-05-17
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -cs Zudenthums. Femllcton-Leilage zu Nr. 20. Leipzig, den 17. Mai 1870. Betrachtungen vom Thurme. 3. Ich machte einen Rundgang auf der Gallerie und schaute mich nach den vier Weltgegenden um, da Alles in so Hellem goldenen Sonnenschein vor mir lag, hier und da nur von einer schmalen vorüberwandelnden Wolke beschattet, was der Landschaft nur noch mehr Reiz verlieh. Dann blickte ich in den Himmel hinauf. Ich war ihm hier wirklich näher als unten. Theils die Wolken, zwischen denen und der Erde ich mich vielleicht gerade in der Mitte befand, denn viele derselben gehen ja sehr tief, gaben mir diese Vorstellung, iHeils der Horizont, der, von meinem jetzigen Standpunkte aus gesehen, ringsum tiefer auf die Erde fiel, als wenn ich in seinem Mittelpunct auf dem Boden stände. Es kam mir hierbei ein sonderbarer Gedanke. Sieht dies doch aus, wie wenn in einer Glasglocke eine Fliege oder Mücke oder so etwas gefangen wäre, die nun und nimmermehr wieder hinaus kann. Verschieden davon ist nur, daß unsere Glasglocke mit blauer, grauer oderschwarzer Farbe bemalt ist, so daß wir nicht einmal hindurchsehen können, was doch die gefangene Mücke sehr wohl vermag; andrerseits daß unsere Glasglocke beweglich ist, daß wir sie stets von Ort zu Orr mit uns tragen und uns immer im Mittelpunkte derselben befinden. Wir können uns nicht von ihr losmachen, nicht darüber hinauskommen und sie sich nicht von uns trennen. Ja, ob wir die Höhen ersteigen oder in die Tiefen uns senken, ob wir langsam schleichen oder durch die Kraft des Dampfes dahineilen, immer steigt und sinkt, schleicht und eilt diese blaue, graue oder schwarze Kuppel mit uns, und wölbt sich über uns wie ein Schneckenhaus über der Schnecke. Es ist ein Gefangniß, und wenn wir es nicht als solches betrachten, so ist die Gewohnheit daran schuld, da sie so für uns vorbanden war, als wir zum ersten Male die blöden Augen auffchlugen. Nun, sagte ich zu mir selbst, dies ist eben nur die eine Beschränkung und ergänzt sich durch die andere, daß du dich über diese Erde nicht erheben kannst, sondern für die Lebensdauer an sie gebunden bist. Denn selbst wenn dein alter Wunsch, in einer Mongvisiere auszusteigen, in Erfüllung ginge, wärest du nur auf eine kurze Zeit, eine kurze Strecke über dieser Erdkugel, und kehrtest bald zu ihr zurück, immer deinen Horizont über dir. Ja, es ist doch nur eine Verschiedenheit von der Pflanze, die mit ihrer Wurzel an eine bestimmte Stelle gefesselt ist, und bei deinem unruhigen Geiste ist es keine große Vergünstigung, daß du auf dieser Erde umherlaufen kannst, die du jetzt in einer kleinen Anzahl Wochen völlig zu umkreisen vermagst, die also vor dem Menschen immer mehr einschrumpft, in Zukunft vielleicht in so vielen Tagen, wie jetzt Wochen. Ich weile nicht gern bei unangenehmen, drückenden Gefühlen, und suche daher bald einen Ausweg daraus. Was schadet es, sprach es leise in mir, daß ich äußerlich da so gebunden bin, lebt mir doch innen der freie Geist, der sich nach eigener Bestimmung bewegen kann, wie er will und wohin er will, der keinen Gebieter für die Richtung, die er nehmen will, anerkennt, und sich einen Führer nur nach eigenein Wunsche zu wählen braucht. Dieser Gedanke erhob mich, und versöhnend wollte ich ihn bereits ven anderen anknüpfen: für diese flatterhafte Seele ist es daruin gerade gut, daß ihre Hülle, die ihm durch ihre Sinne die Mittel der Bewegung giebt, an diese Erde gebunden ist; sie würde sich sonst in dem unermeßlichen Weltall verlieren, gar keine Heimath und Ruhestätte haben, und darum nichts gewinnen und sich zu eigen machen. Bei dem äußerst kargen Inhalt, den sie aus ihrem Dasein vor der Erde mit sich bringt, ist es ja ein Segen, daß sie vor Allem mit dieser Erde und Allem, was darauf ist, sich beschäftigen und bekannt machen muß, und sich Zeitlebens nur wenig darüber erheben kann. Etwas wiffen und haben, und wenigstens diese Erde ausbeuten, so weit unsere Kräfte gehen, ist doch mehr Gewinn, als über ein Dutzend Weltkörper laufen und nichts davontragen. Wir haben uns so vorbereitet und den Anspruch gewonnen auf Mehreres. Dieser Gedanke ließ mich noch tiefer in unser Jn- I neres schauen. Wenn wir es recht prüfen, so gewahren wir eine gleiche Verbindung von etwas Freiheit mit vieler Gebundenheit und Beschränkung auch in unserem Geiste, llnser Denken und Empfinden, unser Begehren und Wollen, Alles ist an bestimmte Gesetze geknüpft, die uns festhallen,

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