Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1870)
- Date
- 1870-05-17
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226765--28364-3302192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
386 entließen, um Volk und Religion von Neuem zu constituiren. Als die Neuperser, begeistert von ihrer neubelebten Rationalreligion unter den Saffaniden (226— 651 nach d. gew. Zeitr.) Mittelasien noch einmal beherrschten und gegen die christlichen Römer blutige Kriege führten und alle Christen verfolgten, duldeten sie in den babylonischen Landern die Juden, daß sie ruhig unter ihrem eigenen Gesetze diesem und der fleißigsten Industrie leben konnten, und hier war es, wo sich das große talmudische System, uiedergelegt in der babylonischen Gemara, völlig entfaltete und ausbildete. Die mohammedanischen Araber waren eö, welche die neuperfifche Macht stürzten, ihre Lander in Besitz nahmen und die Anhänger deS Parsismus nach Indien trieben, zu einer kleinen Anzahl herunter gekommen. Es leben ihrer noch heute etwa 160,000 im westlichen Indien und 5500 in 2)azd und Kirman. Dennoch widerstanden und widerstehen diese unerschütterlich den Angriffen des Islam, des Buddhismus, des Brahmanismus und deS Christenthums, welches letztere sie mit Missionaren überschüttet, ohne den geringsten Erfolg zu erlangen — der Parsismus, diese Religion des Ormuzd (des Gottes deS Lichts» und des Ahriman «des Gottes der Finsterriß», der guten und bösen Geister, die sich unaufhörlich bekämpfen, die Anbetung des Feuers als des Symbols Ormuzd'S, weshalb seine Bekenner Feueranbeter heißen, gegen welche Bezeichnung sie aber selbst protestiren, diese Religion, welche in Zoroaster ihren gottbegeisterten Stifter, in dem Zend-Avesta ihre heiligen Schriften verehrt, diese Religion einer geringen Minorität leistet unbedingten Widerstand allen Einflüffen der an Zahl und Herrschaft sie erdrückenden Mehrheiten. Dennoch sieht eS in ihm seit einer Anzahl Jahre nicht mehr so aus wie früher. Während auf der einen Sette seinen Betennern selbst das Berfiändniß des Originals ihrer h. Schriften und Gebete verloren gegangen, und sie sich mit paraphrasirenden Uebersetznngen und Auslegungen spaterer Priester begnügen, ist andrerseits in ihrer Mitte eine Reformbewegung enstanden, die beretts eine bestimmte Gestalt und eine beträchtliche Zahl Anhänger gewonnen hat. Bor Kurzem besuchte ein angesehenes Mttglied der Parsigemeinde, ein sehr gebildeter und unterrichteter Mann, Dadabhai Naoroji, Profeffor des Guzerati, England und hielt zwei Vorlesungen in Liverpool, die eine über die Sitten und Gebräuche der Parsis, die andere über die Parsireligion. Beide erschienen im Druck, und wir besprechen ihren Inhalt, eine Abhandlung des Prof. Max Müller zu Grunde legend. Die Parsis sind also gegenwärtig in zwar Parteien getheilt, die beide mit gleicher Liebe und Festigkeit an den eigentlichen Grundlehren ihres Glaubens hängen, aber hinsichtlich der Gebräuche und Lebensweise von einander abweichen. Die Conservativen hängen beharrlich an allem Althergebrachten und Gebräuchlichen, welcher Art es auch sei, während die liberale Partei dahin strebt, die Mißbräuche früherer Zeiten abzustreifen und die Vortheile der europäischen Civilisation zu benutzen, so wett es ihre Religion gestattet. Der eine Theil z. B. bedient sich der Tische, Meffer und Gabeln, um die Mahlzetten einzunehmen, während der andere Theil auf einer Matte kauert und von einem zwei bis drei Zoll hohen Schemel die auf einem großen kupfernen Teller in kleinen Häufchen liegenden sämmtlichen Gerichte mtt den Fingern holt und zum Munde führt. Es versteht sich von selbst, daß die Conservativen auf diese Dinge ein außerordentliches Gewicht legen und sie als den eigentlichen Zweck und Inhalt der Religion betrachten. Dadabhai Naoroji schildert nun die Lebensweise und Gebräuche beider Parteien, doch enthalt er, der zur liberalen Partei gehört, sich jedes mißfälligen Ausdrucks gegen die Conservativen. Er schildert uns die Einzelheiten im täglichen Leben eines Parsi vom Aufstehen bis zum Niederlegen, von der Geburt bis zum Begräbniß. Das Widrigste darin ist der Nirang, d. i. der Urin von Kühen, Ochsen oder Ziegen, mit welchem sich der Parsi, sobald er ausgestanden, Gesicht und Hände einreibt und dann mtt Waffer abwischt, wobei er keinen Gegenstand mit bloßen Händen anfafsen darf. Frauen nach der Entbindung müffen sogar etwas davon trinken und ebenso die Kinder, wenn sie mit den charakteristischen Kleidern ihrer Glaubensgenoffenschaft bekleidet werden. Sie glauben, daß durch den Nirang der Satan vertrieben wird. Die Liberalen wollen dieft Ceremonie völlig abschaffen und behaupten, daß sie in dem Zend Avesta nicht begründet, sondern eine Vorschrift späterer Priester sei. Darin irren sie, denn im 9. Fargard des Bendidad (S. 120 der Brockhaus'schen Ausgabe) ist das Trinken wie das Einreiben des Nirang vorgeschrieben. Ein frommer Parsi muß täglich wenigstens sechzehnmal seine Gebete sagen. Zuerst wenn er aufsteht, dann während der Nirangceremonie, darauf, wenn er sich badet, wenn er sich die Zähne putzt, wenn er mtt