Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1870)
- Date
- 1870-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter uns selbst, gestehen wir es offen, herrscht vielfach Rücksichtslosigkeit gegen einander; es giebt Missionare, die aufs Geradewohl Tractate ballenweise hinaussenden, blos um mit hohen Zahlen glänzen zu können; einzelne Gesellschaften Ammern sich um das Fortkommen ihrer Proselyten gar nicht, so wandern Proselyten von einer Gesellschaft zur anderen und führen ein Bagabondenleben?) Die Gesellschaften selbst ignoriren sich häufig untereinander und eröffnen Missionen, wo schon andere existiren, indem sie thun, als ob sie von deren Existenz gar nichts wüßten?) Der Redner hält deshalb vor Allem einen häufigeren persönlichen Verkehr der Gesellschaften mit einander für nöthig und segensreicher. Er beantragt deshalb regelmäßig alle zwei Jahre wiederkehrende Conferenzen mit vollständig fteiem Charakter ohne bindende Beschlüsse; ferner nur beschränkte Oeffentlichkeit, da es vertrauliche Berathungen giebt, für welche die Oeffentlichkeit nicht geeignet ist?) Zweiter Gegenstand der Tagesordnung: Wie kann die Theilnabme der christlichen Gemeinde an dem Werke der Iuden-Mission erweckt und in reicherem Maße gemehrt weroen. Referent Professor Paulus Cassel. Schon daß man eine solche Frage an die christliche Gemeinde stellen müsse, sei eine Büßpredigt au diese. Was scheuen wir uns denn, einmal angegriffen zu werden! Das Löschpapier ist noch keine Kanonenkugel. Heut wird's gedruckt und morgen ist's vergessen. Man redet von Toleranz. Was ist denn Toleranz? Unsere heutige Toleranz ist meist Faulheit. Bor Allem muß der christlichen Gemeinde das alte Testament wieder näher geführt werden. Wer das alte Testament kennt, der muß erkennen, daß Israel von seiner Höhe herabgefallen ist zu der Stellung eines Zeitungsschreibers, eines Geldmannes, allenfalls eines Mitgliedes des Reichstages. Die Pastoral-Conferenzen, der Kirchentag, die Conferenzen des evangelischen Bundes, sie haben sich nur sehr flüchtig mit der Iudenmission beschäftigt. Man sehe die Zahl der Geistlichen bei den Festen der Heidenmission und daun die bei denen der Iudenmission! Das Borurtheil ") Der Redner — selbst ein getaufter Jude — will wohl hiermit sagen, daß diese Proselyten von einer Gesellschaft zur anderen gchen, um sich mehrmals taufen zu lassen, selbstverständlich ans klingenden Gründen. s) Nun, jeder Judenmissionar will leben und sucht sein Stück Brod zu verdienen. 6) DaS ist ein offene« Gestandniß: die MisfionSgesellschaften haben also Mancherlei, was sie vor der Well verbergen muffen. gegen sie ist in den Führern fast stärker als in '.der christlichen Gemeinde. Wenn ebensoviel Kaffern oder Hottentotten hier in der Presse oder an der Börse dieselbe Machtstellung einnähmen, wie jetzt die Juden, dann würde der Eifer für ihre Bekehrung auch einen Bruch erleiden. Dort draußen vermeidet man Unannehmlichkeiten, es erscheint Alles in so angenehmer blauer Ferne; hier aber collidirt man bald hier, bald da. Drum geht man dem lieber aus dem Wege. Ein bekannter Meister hat eine viel besprochene Schrift: „Das Judenthum in der Musik" geschrieben. Und doch wird er uns mit aller seiner Meistersingerei nicht so ergreifen, wie Mendelssohn mit dem Anfang seines Oratoriums Paulus: Sei getreu bis in den Tod! — Missionar Brühl aus Galizien empfiehlt dieses Land der besonderen Berücksichtigung durch die Missions- Gesellschaften. Den zweüen Tag der Conferenz eröffnete vr. Delitzsch aus Leipzig mit einem einleitenden Referat über das zur Discussion gestellte Thema: Welche Anforderungen stellt die Gegenwart an die Missionsarbeit unterdenJuden? Der Redner pries die Iudenmission als eins der schönsten Juwele in der preußischen Königskrone?) Er schilderte Berlin als den Sitz eines selbstbewußten Judenthums, als geistigen Mittelpunkt des Judenthums in Deutschland. Bei der Macht und Blüthe des Judenthums ist es nicht zu verwundern, wenn die Iuden-Mission in diesen Kreisen auf Hohn stößt. Der jüdischen schriftstellerischen Productivität gegenüber fehlt es uns an schriftstellerischen Kräften?) Das Judenthum ist 7) Wenn „die Judenmission eine der schönsten Juwelen in der preußischen Konigskrone" ist, so hat sie sich dessen erst seit Friedrich Wilhelm HI. zu eigen gemacht, und zwar erst seit der zweiten Halste der Regierung dieses Königs. Friedrich Wilhelm IV. legte diesem „Juwel" großen Werth bei. Ob Wilhelm I. ihn hochschätzt, wissen wir nicht. Auf seiner Reise durch Palästina zeigte sich der jetzige Kronprinz den Missioneu hold. Wir haben gegen die PrivaMeigungen eines Monarchen nichts einzuwenden; als Könige von Preußen aber, welche 300,000 Juden als gleichberechtigte Bürger ihres Staates haben, die Iudenmission in besonderen Schutz zu nehmen, ist eine ganz andere Sache. 8) Das ist eine sonderbare Klage! Die Christen beherrschen die ganze Literatur; fast in allen Büchern werden christliche Anschauungen vorgetragen; wo sich die Gelegenheit bietet, wird das Christenthum in den Himmel gchoben, das Judenthum heruntergesetzt und geschmäht. In allen öffentlichen Schulen geschieht dasselbe; von den jüdischen Schriftstellern, die für das Allgemeine schreiben, geht die überwiegende Mehrzahl über diese Streitftagen mit Stillschweigen hinweg; in den jüdischen Schn-