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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-10 · Heft 19 (10.5.1870) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 19 (10.5.1870)
Date
1870-05-10
Page
Seite 383 (sequence 19)
Language
German
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383 erhöhen den Ertrag der Arbeit; auch bis hieher streckt der Luxus — lachen Sie nicht — seine Fühlsäven aus, denen die Spitzen und Stacheln folgen, um. den kleinen Tropfen Honig zu saugen, der sich in dieser winzigen Bergblume etwa gesammelt: die Begehrlichkeit ist immer vorhanden, und die Folgen bleiben nicht aus. Nein, theure Freundin, ob klein oder groß, vornehm oder gering, Palast oder Hütte, wssiensreich oder wissensarm, gebildet oder ungebildet oder wie es sonst genannt wird, des Menschen Geist und Herz sind überall dieselben, und überall baut er sich eine Welt um sich, und richtet sich eine Leiter auf, an der er hinanklimmt, bald aus Vieser, bald auf jener Sprosie endend. So ungefähr war das Gespräch, das mir jetzt einsam auf der Höhe des Thurmes, durch die Erinnerung ging. Ich fühlte seinen Inhalt lebhafter hier oben, und blickte nun mit ganz anderem Sinne auf den Platz und die Menschen hinunter, die sich da bewegten. Ja, rief es in mir, in Jedem von Euch wohnt ein unsterblicher Geist, eine sich entfaltende Seele, ein bald stürmisch bewegtes, bald friedlich ruhiges Herz, und die Erhabenheit des Schöpfers und Eure eigene in Eurem Wesen hat ihren Raum in einem Jeden von Euch! «Fortsetzung folgt.» Am Putztisch. Aus Breslau. Wir hatten dieser Tage Gelegenheit dem Vorträge eines wissenschaftlich gebildeten Mannes, des Herrn Medicinalrath Di-. Klopsck, anzuwohnen, der des Neuen und Interessanten so viel bietet, daß wir es uns nicht versagen können, die für einen jüdischen Leserkreis und namentlich für die Leserinnen des Feuilletons höchst anziehenden Mittheilungen hervorzuheben. Der Vortrag, der letzte von denen, welche die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur jeden Winter veranlaßt, handelte über „die Kosmetik der ältesten Culturvölker vom naturwissenschaftlichen und culturhistorischen Stand punct.^ Redner betonte gleich zu Anfang, daß er nicht eine bunte Menge von Realien geben, sondern zeigen wolle, auf wie geheimen und verschlungenen Wegen die Forschung überhaupt vordringe und wie insbesondere die Naturforschung auch auf dunkle Culturepochen ein Helles Streiflicht zu werfen vermöge. Ein neuer Beweis, daß die Wissenschaft, je weiter sie in den Schacht des Allerthums hinabsieigt, nicht nur trockene, blos für Gelehrte zugängliche Schätze, sondern auch Blumen zu Tage fördert, welche wohl geeignet sind, die Aufmerksamkeit auch derer auf sich zu ziehen, die der strengen Wipenschaft weniger nahe stehen. Wir klagen heutzutage oft über den immer mehr wachsenden Luxus, wir staunen, woher die Mittel beschafft werden, um den Ansprüchen der Eitelkeit, der Putzsucht und wie jene Eigenschaften alle heißen mögen, zu genügen, ja fühlen uns oft geneigt als lanckatores lemporis acti der Gegenwart die Vergangenheit gegenüber und in ein bei weitem günstigeres Licht in dieser Beziehung zu stellen; allein sehen wir uns einmal etwas genauer um in der grauen Vorzeit, wie damals, um von den Römern und Griechen ganz abzusehen, die schönen Aegypterinnen und Hebräerinnen sich kleideten und schmückten, und unser Urtheil über die Gegenwart wird etwas milder ausfallen. Von dem Leben, welches vor 400 Jahren am Nil sich so prächtig entfaltete, geben uns die ägyptischen Museen von London, Paris und Berlin noch ein deutliches Bild. Wir stehen da mitten im Boudoir einer ägyptischen Dame von Rang. Ehe wir noch ihren kostbaren Waschtisch betrachten, fällt unser Blick auf die reiche Malerei, mit welcher die Wände bedeckt sind. Ein Hochzeitszug tritt uns darin entgegen. Unwillkührlich aber wird unsere ganze Aufmerksamkeit sogleich durch die wunderbare Eigenthümlichkeit des Ausdrucks, den diese Gesichter besitzen, gefeffelt. Wir finden sehr bald, daß diese Augen nicht nur zu groß, sondern daß auch die Conturen zu dick, zu derb accentuirt sind. Diese Augen sind eben — geschminkt. Der Toilettetisch dort zeigt uns das dazu nöthige, röhrenfärmige Büchschen, erfüllt von einer zum Thell schmierigen, zum Theil pulverigen Masse. Diese Masse ist das noch heute gebräuchliche Kohl (bn2), welches damals täglich benutzt wurde, jene schwarze Schminke, mit der man besonders die Augenbrauen sich färbte. Ein Stoff aber, der schon vom ersten Auftreten der Geschichte an sich iu Geltung erhielt, verdient namentlich unsere Beachtung: es ist Schwefelantimon, Stibium. Die junge Dame, deren Toilette wir nun ohne Zweifel noch gerne etwas länger belauschen, greift eben nach einem kreisrunden Metallspiegel von legirtem Kupfer, dann aber nimmt sie verschiedene bemalte Fläschchen, darunter ein zeisiggrunes von echt chinesischem Porzellan und färbt sich die Hände roth mit Henna; dies ist Alcanna (aus dem man durch Petroleumbenzin einen rothen Stoff gewinnt). Die echte Henna aber stammt von dem ligusterähnlichen Strauche, der in Afrika und von da bis Südasien verbreitet ist und dessen Blätter ein hochgelbes Pulver geben. Die echte Henna wird auch z«m Einstreuen in die Haare benutzt. Die Toilette wird endlich durch eine Perröcke gekrönt, die uns beweist, daß die Ahnen der heutigen Frisuren bis 200O v. Ehr. hinaufsteigen. Das Ganze aber wird in ein eigenthümliches Netzwerk gehüllt. Was diese Binden betrifft, so hat die mikroskopische Untersuchung der Mumien gelehrt, daß der Syndonbyssos des Herodot — das hebr. dtä ---- besonders feines Gewebe — zum Theil wenigstens nichts anderes gewesen

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