Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1870)
- Date
- 1870-05-10
- Page
- Seite 382 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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382 zogenen'Handkarren, eine Strecke abwärts gebracht wurden, um dort, wo die Schlucht sich erweiterte und der Fluß breiter und tiefer geworden, verladen zu werden. Männer und Weiber lagen dieser Arbeit ob, während die Kinder vor den Hütten spielten, und die Greise die kleinen Geschäfte des Hauses besorgten. Dies mußte so feit vielen Jahrhunderten geschehen fein, denn um dieser Arbeit willen war ja das Dorf gebaut, und sein Name kam, wie man mir gesagt, in alten Urkunden der umliegenden Grafschaft vor, denn es war öfter der Gegenstand von Streitigkeiten, von Erwerb und Verlust, Kauf und Verkauf gewesen. Diese Greise waren einst solche spielende Kinder gewesen, und kaum hatten ihre Füße und Arme Kraft gewonnen, Laren sie zum Fällen der Bäume, zum Brechen der Steine, zum Ziehen der Karren verwendet worden, bis diese ihre Kraft verzehrt war und sie nur noch zu Hütern der Hütten taugten. Und so wird es bleiben mit ihnen, so lange das Dörfchen in der einsamen Schlucht stehen wird. Wie ist doch das Leben dieser armen Menschen so einförmig, sagte meine Freundin zu mir, als wir durch das Dorf gewandert waren und auf einem bemoosten Steine im Schatten einer prächtigen Föhre uns niedergesetzt hatten, wie muß es so leer und inhaltslos sein, da es ohne allen Wechsel und Bewegung ist! Worin möchte es sich wohl von dem Dasein der Thiere unterscheiden, denen ebenso von vornherein all' ihre Thätrgkeit durch alle Stadien ihres Lebens vorgezeichnet ist? Ein ähnliches Gefühl kam mir oft, wenn ich durch die Werkstätten der kleinen Handwerker, an den Hütten der Tagelöhner vorüber oder in die Dachkammer einer Näherin kam. Hier aber, wo das Leben so bestimmt abgegrenzt und einer unverrückbar geraden Linie gleich ist, ist mir jenes Gefühl zum klaren Bewußtsein gekommen. Ja, ich kann mir noch viele Kreise unter den Menschen denken, z. B. von kleinen Beamten, Krämern, Elementarlehrern u. s. w., die abseits vom großen bewegten Markte des Lebens sich in Gleichförmigkeit abspielen, wo der Nachfolger gerade da anfängt, wo der Lorgänger seine Arbeit niederlegt, um immer wieder dastelbige zu vollbringen, wie hier die Bäume gefallt und zerschnitten, die Steine gebrochen und die Karren gezogen werden. Sie haben da, werthe Freundin, antwortete ich, wie ich, glaube eine ganz irrige Vorstellung, die aber bei Ihnen, die Sie in einem höheren Kreise sich immer bewegten und diese Hütten und ihre Bewohner nur von ferne sahen und beobachteten, entschuldbar ist. Wer wie ich aus dem Lotte geboren, der weiß es bester. Glauben Sie, in der Hütte wie im Palaste, am Arbeitswie am Ministertische spielen dieselben Leidenschaften in den Herzen der Menschen und unter ihnen, stellen sich dieselben Begierden und Täuschungen, dieselben Freuden und Schmerzen ein, wenn auch in anderer Gestalt und an anderen Gegenständen. Jede Hütte ist eine Welt für sich, jedes Dorf eine Gesellschaft für sich mit derselben Bewegung, demselben Treiben, derselben Mannigfaltigkeit innerhalb der Individualität. Wo ein paar Menschen mit einander leben, giebt es Liebe und Haß, Neid und Wohlwollen, Eifersucht und Hingebung; Herrsch-, Hab- und Genußsucht, Stolz und Heuchelei, Kampf der Lüge mit der Wahrheit, der List mit der Redlichkeit, Eitelkeit und Prahlerei, Verschwendung und Geiz — alle diese Fehler und Laster, Vorzüge und Tugenden in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit sind im zerfallenen Hause wie im prächtig ausgeschmückten vorhanden, klopfen in der Brust der Menschen, füllen die Kammern ihres Herzens und ihre Gedankenwelt, treiben sie zu Worten und Handlungen und machen ihr Leben wechselvoll, voll Strebens, voll bitterer und süßer Empfindungen, entwürdigen oder adeln ihre Seelen, und zuletzt entfalten sie ihren Geist, als die wesentliche Bestimmung des Menschen. Wir müffen noch einmal, theure Freundin, durch das Dorf wandern; sehen Sie sick da die Hütten genauer an, und Sie werden auch da schon viele Verschiedenheiten bemerken. Warum steht die eine so stattlich nach ihrer Art, so wohlgepflegt, mit geraden Wänden, ganzen Schindeln, hellen kleinen Fenstern und Thür und Läden fest anschließend da? und warum daneben die andere so verfallen, die Lehmwände voll Löcher, das Dach schief und zerschliffen und alle solche Zeichen der Armuth, des Elends daran? Sehen Sie jenen niedlichen Garten hinter der Hütte mit den Obstbäumen, Gemüsebeeten und sogar einigen Rosenstrauchen, und dort die wüste Umgebung der anderen, wo nur Nesteln und Unkraut wuchern. Das werden Sie dort in vielfacher Abstufung bemerken, und fragen Sie dann nach den Ursachen, so eröffnet sich Ihnen die Aussicht in die mannigfaltigsten Unterschiede in der Beschaffenheit ihrer Bewohner, ihrem Charakter, ihren Neigungen und Kräften, und nicht minder in die Verschiedenheit ihrer Schicksale, wie diese sich aus Krankheit, Verlust, Tod, aus Hader und Mißverständniß, aus Leidenschaften aller Art, Trägheit, Trunk- und Spielsucht, Unzucht und allen deren Gegentheilen entwickeln. Ja, so einem spielenden Kinde ist auch schon ein Geschick in die Wiege gelegt, und der wankende Greis hat noch seine Last daran zu tragen. Auch ist, theure Freundin, das Menschenleben wie ein großes Meer, deffen Wellenbewegung noch am entferntesten sandigen Ufer verspürbar ist, und, wenn der Walisisch mitten im Ocean den Sturmschlag der Wogen zu bestehen hat und besteht, so fühlt das kleine Fischcheu und die winzige Amphibie die sanften Kreise, die an das Ufer schlagen, nicht minder und bedarf voller Kraftanstrengung, um sich darin zu erhalten. Auch aus diesem Dörfchen werden die Jünglinge geholt, um die Waffen zu tragen, ihr Blut auf den Schlachtfeldern zu verspritzen und nach ihrem Loose gesund oder verkrüppelt zurückzukehren; auch hierher werden die Gesetze getragen, die in den Mittelpunkten der Staaten geschmiedet werden, und vom kargen Arbeitslohn die Steuerpfennige geholt; die großen Krisen in Handel und Wandel üben ihre Wirkung auf diese Hütten, lähmen, vermindern oder