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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-10 · Heft 19 (10.5.1870) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 19 (10.5.1870)
Date
1870-05-10
Page
Seite 381 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Femlleton-Leilage M Nr. 19. Leipzig, den 1V. Mai 1870. Betrachtungen vom Thurme. 2. Ich blickte jetzt hinunter auf den Platz, an dessen südwestlicher Ecke der Thurm und die Kirche standen. Es war ein geschäftiges Leben auf ihm; Menschen wogten hin und her, Karossen fuhren, Lastwagen rollten. Aber von meiner Hohe, wie winzig sahen sie aus'. Den Däumlingen des Mährchens gleich oder wie schwarze Nadeln bewegten sich die Menschen, die Rosie wie Hündchen, die Wagen wie Nußschalen. Und das sind die Herren der Schöpfung, die Meister der Erde', rief es in mir aus. Diese kleinen Wesen dünken sich so groß und gewaltig, halten sich für Mittelpunkte der Welt, als ob die Erde um ihretwillen, das Universum um dieser Erde willen geschaffen sei; sie glauben ihren Ruhm an die Sterne geheftet, und von ihrem Thun und Treiben die Ruhe und Sicherheit des Weltalls abhängig. Hier, kaum dreihundert Fuß über ihnen, sehen sie schon so verächtlich klein aus, wie Ameisen vor dem aufrechtstehenden Menschen; nur noch etwas höher und sie werden zu bloßen dunklen Punkten, noch etwas höher und sie sind verschwunden, sie existiren nicht mehr'. Was sollen sie also wohl für ein höheres Wesen zu bedeuten haben? Wie muß einem solchen das Treiben und Schaffen dieser winzigen Gesellen nur ein Lächeln abgewinnen? . .. Halt! rief ich aus, der Hochmuth hat dich bis zu dieser Höhe begleitet. Daß dir von hier aus die Menschen und ihre Dinge so klein erscheinen, und wenn du höher steigst, verschwinden, daran ist ja nur deine eigene Kleine schuld, denn jedes höher gestaltete Wesen hat einen weiteren Gesichtskreis, und würde von hier aus die wimmelnden Leute da drunten in ihrer natürlichen Größe sehen, d. h. in der, in welcher du sie siehst, wenn du unter ihnen wandelst: die Entfernung ist zu gering für ein solches Wesen, um einen Unterschied zu bewirken. Und wenn du nun dir das höchste Wesen vorstellst, so muffen vor ihm alle Dinge gleich groß sein, und Größe des Raumes wie der Zeit besteht nicht vor ihm. Und sag', wer hat denn diesen mächtigen Thurm gebaut, von welchem Du herabschaust, wenn nicht diese Däumlinge, die Quader auf Quader zu thürmen verstehen, bis sie hoch über sie emporragen? Versetze dich selbst auf den höchsten Gipfel jenes Höhenzuges, den du von hier am Rande des westlichen Horizontes erblickst — ja, von diesem aus siehst du die Menschen nicht mehr, und doch sind sie die Meister dieses Berges, denn von innen und von außen muß er ihnen dienstbar sein; sie haben ihn bebaut bis zu seiner Spitze, und seine Wiesen und Wälder werden von ihnen ausgenutzt, und seine Haiden um den Gipfel noch liefern Honig für ihre Bienen; nach innen aber haben sie ihn mit Stollen und Schachten durchwühlt, und er muß ihnen sein Gestein hergeben, um die Erze daraus zu schmelzen, die wie Adern seinen ganzen Stock durchlaufen. Also, flüsterte es in mir, und zwar mit großer Befriedigung, die äußere Größe macht gar nichts aus; sondern der Geist, der drinnen waltet, der begehrt und will, der ausdenkt und sckafft, der die Mühen und Lasten auf sich nimmt, um ein Ziel zu erreichen, und den Kampf nicht scheut und die Schwierigkeiten, um den Gedanken auszuführen, der in ihm erstanden und zum Willen und zur Thatkraft geworden.' Ich lenkte meine Blicke wieder auf den kleinen lebendigen Strom, der über den Platz fluthete. Er glich wirklich einem Fluffe, in welchem die Master gleichmäßig heran und hinweg fließen; man unterschied in ihm nichts, ein Tropfen war dem anderen gleich. Und doch, dachte ich, unterscheiden sie sich so vielfach, und diese Unterschiede machen ihr Leben so mannigfaltig und bewegt, so drückend und unglücklich. Wenn dieser Strom an der Ecke der Straßen sich theilt, und dann wieder an den Thüren der Häuser, und der Eine steigt in den Keller hinab, der Andere in die lichten Räume des ersten und zweiten Stockes hinauf, der Dritte höher, der Vierte bis in das ärmliche Dachstübchen, wie verschieden ist ihr Loos, wie verschieden ihre Welt! Ich erinnerte mich eines Ganges mit einer Freundin durch die Gaffe eines kleinen Gebirgsdorfes, das in einer Schlucht zwischen Felsen und Wäldern versteckt lag am Ufer eines Bergsiüßchens. Die gesammte Einwohnerschaft war Tag für Tag nur mit dem Fällen der Bäume und mit dem Brechen von Steinen beschäftigt, die auf, von ihnen ge-

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