Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1870)
- Date
- 1870-05-10
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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371 ben Boden unter Euren Füßen zu sichern, den Jene immer mehr unterwühlen? Was, was habt Ihr gethan? Nichts! Der „Mann mit dem Schwerdte" ist näher gerückt. Dieser Verein triumphirt, denn er war rührig und thätig und eben nicht wählerisch in seinen Mitteln. Die Culturbestrebungen sind geachtet und zurückgedrängt auf Jahrzehende vielleicht; ihre Verfechter sind verfehmt und muthlos und eingeschüchtert. Was habt ihr gethan, das Selbstbewußtsein Eurer Partei zu heben? Eure Wortredner zu schützen vor Unbill und Schimpf und Verfolgung? Nichts — gar Nichts! Jene fangen an, in den Augen des Landes und der Nation für die Majorität der ungarischen Judenheit, ja für die allein wahren Juden zu gelten; Ihr mit Euren fortschrittlichen Bestrebungen und modernen Anschauungen für eine Minorität falscher Juden. Denn Jene haben's so lange in die Welt hinausgeschrien und Ihr habt so lange dazu geschwiegen, bis man's zu glauben anfing. Was habt Ihr gethan dieses schädliche Vorurtheil zu zerstreuen? Nichts! Und wenn Jhr's bis jetzt nicht geglaubt habt, jetzt müßt Jhr's; es ist ja im hohen Landtag, auf die An« gaben jenes Vereines hin, ausgesprochen worden, daß es in Ungarn wirklich zwei verschiedene jüdische Secten gibt, und daß Ihr es sein sollt, welche die neue bildet, daß Ihr ausgetreten seid aus dem Verbände des Judenthums, wie es bis jetzt bestanden. Was habt Ihr gethan, um diese unwahre und gefährliche Behauptung zu widerlegen? Nichts und wieder Nichts! Ihr habt geschwiegen und ns-nris np-riw „wer schweigt scheint zuzustimmen." Dies konnte aber nur kommen, weil sie nie den Muth hatten, an die drohende Gestalt heranzutreten, feige vor ihr zurückwichen und nach Frieden riefen. Die eigentliche Ursache findet nun der Redner in den Halbheiten und hohlen Redensarten, in welchen sich gegenwärtig das jüdisch-religiöse Leben bewegt. Auf der einen Seite geberden sich Viele als „Orthodoxe," wenn sie nur auf die Fortschrittsmänner schimpfen, in den „Chortempel" nicht hineingehen, dabei aber den Sabbath nicht halten, die Speisegesetze nicht beachten. Auf der anderen Seite will man für dem Fortschritt ergeben gehalten werden, thut aber nichts dafür und liebäugelt von Zeit zu Zeit mit dem Gegner, um für feine Person von ihm verschont zu werden. Gegen alles dieses ist nach des Redners Ansicht der einzige heilsame Weg: „Jede Richtung muß nach ihrer Ueberzeugung unbeirrt ihren Weg gehen. Entgegengesetzte dürfen nicht verquickt und gewaltsam zusammengeschweißt werden; sonst leiden Beide" — dann aber dürfen „sie von ihrem gemeinsamen Ausgangspunkte, von ihrer gemeinschaftlichen Wurzel sich nicht losreißen." Erst die Wahrheit, dann der Friede. Würde es zu einer völligen Glaubensspaltung kommen, fo würden nicht zwei, sondern mehrfache Secten imJudenthume entstehen, das Gemeindeleben gefährdet, der Fortbestand der Wohlthätigkeits- und Unterrichtsanstalten in Frage gestellt und das Landes- und Gemeinde-Eigenthum ein dauernder Zankapfel werden. Als Vorbild führt er die Schule Schamai's und Hillel's vor (Jebam. 14, 2). Zum Schlüsse giebt er als Losung an: „Glaubensfreiheit, aber keine Glaubensspaltung! Entschiedenes Vorgehen, aber kein Auseinandergehen!" Jedermann wird anerkennen, daß dies ein gutes und ein richtiges Wort ist. Wenn sich aber Zween vertragen sollen, so müsse es Beide wollen. Und dies ist es, was in der Situation unserer Zeit auf allen religiösen Gebieten nicht der Fall ist. Daß die liberale Seite zur friedlichen Verständigung und Ausgleichung stets bereit ist, hat sie überall und immer bewiesen, und nur dadurch ist bis jetzt die Glaubensfpaltung vermieden worden; sie hat es gethan zu ihrem eigenen und zu der Allgemeinheit großem Schaden. Denn dadurch allein ist die Entschiedenheit, ja der Despotismus, und dadurch auch die Macht der Gegner so groß, und andrerseits die Halbheit, die Unentschiedenheit in der Menge so allgemein geworden. Wenn nun aber auch die liberale Partei fernerhin zu friedlicher Verständigung geneigt sein wird: die Gegenpartei will den Frieden nicht, sie will entschiedene Unterwerfung oder die Spaltung! Fragt die römischen Ultramontauen, die pietistischen Protestanten und die jüdischen sg. Orthodoxen, sie werden gleichmäßig sagen: gebt die Gemeinde, die Schule und die Wohlthätigkeitsanstalten in unsere Hände, und ein Jeder von euch einzeln kann seinen Weg gehen wie er will. Dies ist der Friede, wie ihn die Gegner verstehen, und wer ihn nicht so will, der erhält ihn nicht, der wird excommunicirt, verketzert, angeschwärzt, verfolgt. Das Vorbild jener beiden großen ehrwürdigen Schulen findet auf unsere Zeit keine Anwendung. Die Zeit der Bath Kol ist vorüber, und schwerlich würde man auf jene hören; der Streit dauert auch schon langer als drei Jahre. Aber auch Gegenstand und Verhältnisse sind eben ganz andere, Jene beiden Schn-