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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-10 · Heft 19 (10.5.1870) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 19 (10.5.1870)
Date
1870-05-10
Page
Seite 368 (sequence 4)
Language
German
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368 dessen auch gar kein Hehl. Der Papst, der vielleicht die grellsten Widersprüche während seiner Regierung unter allen Päpsten bethätigt hat, der drei Jahre lang der eigentliche Urheber der italienischen Revolution gewesen, will sich als unfehlbar erklärt haben, und die Kirche soll in ihrer kriegerischesten Rüstung austreten, um der gesummten Menschheit den Kampf anzukündigen. Alle Sätze, die bis jetzt theils vom Concil schon votirt, theils ihm zur Abstimmung vorgelegt worden, sindBerfluchungssätze, enden mit den Worten: anntbewa sit! Sie verfluchen Alles, jede Religion, jede Confessio«, jedes Philosophem und jede Ansicht, die nicht streng römischkatholisch, oder vielmehr päpstlich ist; sie verfluchen alle Grundsätze des modernen Staats- und Gesellschaftlebens, d. i. der Humanität, des Rechtes und aller Freiheit, selbst der eingeschränktesten; sie verfluchen alle Literaturen, Wissenschaften und Künste, die sich nicht bis aufs Kleinste ihre Gegenstände, Resultate und Behandlungsweise von der päpstlichen Curie vorschreiben lasten. Stände nun diesem Vorgehen irgend eine wirkliche Macht zu Gebote, sei es eine ideelle oder materielle, so könnte man darin etwas Kühnes, Heroisches, Gigantisches erblicken. Aber dies ist nicht der Fall, und selbst die Kirchenfürsten, die für diese Dogmen stimmten und stimmen werden, thun dies nicht aus innerster Ueberzeugung, sondern weil die Jesuiten es erdacht, der Papst es will und die kirchliche Disciplin es fordert. Nirgends ist noch ein Staat vorhanden, in welchem der Fürst und seine Rache auch nur einen dieser Sätze zur Ausführung bringen könnten, wenn sie es noch so eifrig wollten, aber keiner von diesen wird es wollen, weil es zugleich die Selbstabdankung und ein Selbstmord wäre. Und der Papst selbst vermag es in seinem eigenen Staate nicht, den er so schon nur durch die Bajonnette der Franzosen zu erhalten vermag. Die Probe liegt ihm ganz nahe, denn alle seine Verfluchung hat ihm noch nicht ein einziges Dörfchen seiner früheren Provinzen zurückgebracht. Die That des Papstes enthält also nichts als den Heroismus jenes edlen Rittes, der seine Rossinante gegen die Windmühlen antrieb. Wir verlaffen die Politik und wenden unseren Blick auf die socialen Uebelstände, die sich in unserer Zeit so sehr bemerklich machen. Der Inhalt ist leicht zu definiren: die Besserstellung der sg. arbeitenden Classen. Ich sage sogenannten, denn wer — mit geringer Ausnahme — arbeitet nicht? Aber man hat sich gewöhnt an diese Bezeichnung, und versteht sie. Daß von vornherein zu einer Zeit, wo der Geldwerth und damit der Preis aller Waaren sich so sehr geändert hat, auch eine Erhöhung der Arbeitslöhne stattfiuden müsse, daß ebenso die Arbeitszeit die Thätigkeit der Arbeiter und ihre Anstrengung angemessen zu beschranken habe, und daß endlich sie vor den Wirkungen der Arbeitsunfähigkeit in Krankheit und Alter geschützt werden müssen. Niemand wird dies ableugnen können. Unter denen nun, welche diese schwierige Ausgabe lösen wollen, giebt es sehr auSeiuandergehende Ansichten. Die Einen hängen noch den socialistischen und communistischen Theorien der Zeit vor 1848 mehr oder minder an; die Anderen wollen eine Theilung des ganzen Gewinnes, der aus der industriellen Arbeit, Fabrik, Handwerk, Handel und Landbau fließt, bei jedem einzelnen Unternehmen unter allen Theilnehmern an demselben; die Dritten verlangen „die Staatshülfe." d. h. Milliarden vom Staate, um die Arbeiter die Etablissements selbst zu errichten und zu betreiben in den Stand zu setzen; die Vierten wollen nur „die Selbsthülfe" auf diesem Wege in Anspruch nehmen, also die Ersparnisse und die Thätigkeit der Arbeiter selbst, um Hülfscassen, Consum- und Productiv-Gesellschaften zu gründen; endlich die fünften wollen Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung durch möglichst allgemeine Arbeitseinstellung (Strike) erzwingen. So spaltet man sich in verschiedene Lager, und Sie wissen, wie feindlich sich diese bekämpfen, oft genug mit Schemelbeinen und Bierkrügen. Eine ausführliche Beurtheiluug wäre hier nicht am Platze. Nur auf einen großen Jrrthum möchte ich aufmerksam machen, der in den Besprechungen über diesen Gegenstand nicht stark genug hervorgehoben wird. Man stellt Capital und Arbeit als die beiden Factoren der Industrie hin, versteht unter letzterer nur die mechanische Arbeit und fordert nun das Capital für die Arbeiter, um diesen die Production gänzlich nutzbar zu machen. Aber ist dies denn richtig? Fehlt hier nicht ein dritter und vielleicht der unentbehrlichste Factor — der Geist, die geistige Arbeit? Ob und welches industrielle Unternehmen angemessen und am Platze sei? Wie dies herzustellen und einzurichten? wie es fortzuführen? Der rechte Bezug der Rohmaterialien, die Auffuchung der Absatzquellen, die eigentliche Geschäftsführung, bei welcher die Herbeischaffung der Capitalien und der rechten Arbeitskräfte eine große Aufgabe ist — vermag dies Alles das „Capital" und die „Arbeit" zu leisten? Vermögen diese etwas davon zu leisten? In dem Streite um die Besserstellung der Arbeiter läßt man diesen dritten,

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