Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1870)
- Date
- 1870-05-10
- Page
- Seite 367 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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367 zelne Glieder, wie die Tyrvler, ab. Da hat man nun die Ohnmacht des Augenblickes, und die zweite, größere Hälfte des Staates ist in völliger Auflösung. Von der einen Seite kann man den constitutionellen Freiheiten den Rücken nicht wieder kehren, ohne die größte Gefahr zu laufen, und doch haben sie nicht zu erachtende Feinde im Klerus und in den Feudalen. Von der anderen Seite verlangen die Nationalitäten ihre Selbstständigkeit, und zwar bis auf die kleinsten herab, von denen die Dalmatiner sie sich so ziemlich schon zu ertrotzen vermocht; aber wie daraus einen Staat bilden, der nur irgend ein Maß voll Lebenskraft besitze? Und was sind nun die Hülfsmittel hiergegen? Man wählt ein färb-, ein charakterloses Ministerium, das der Verfassung treu zu bleiben und den Nationalitäten gerecht zu werden verspricht, also nichts thun will; es will sich auf ein Parlament stützen, das in Wirklichkeit nicht mehr existirt, auf die Landtage, die an nichts als an ihre provinzielle Existenz denken. Soll man die Deutschen opfern? Soll man die Polen oder die Czechen zur Herrschaft berufen? Keine von allen diesen Nationen vermag es! Will man es mit wirklichem Föderalismus versuchen? Der Baumeister, der diese an Form und Gefüge so völlig verschiedenen Bausteine zu einem haltbaren Ganzen zu vereinigen vermöge, der soll noch gefunden werden. Versetzen wir uns nach dem Mittelpunkt des norddeutschen Bundes. Jedermann, der unparteiisch urtheilt, wird zugestehen, daß hier das Leben noch am kräftigsten pulsirt und immer noch einige Resultate erzielt werden. Aber ebenso läßt es sich nicht ableugnen, daß die allgemeine Schwächung und Lähmung sich auch hier bereits fühlbar macht. Der Zusammenbau von zwei Königreichen, vier und ein halb Großherzogthümern, so und so vielen Herzog- und Fürstenthümern und drei fteien Städten, der obherrschende Staat mit vier annectirten Provinzen versehen, hat etwas sehr Prekäres, während ihm noch vier selbstständige Staaten gegenüberstehen, die ihm wiederum durch Zollverein und Schutzbündnisse angehängt sind. Particularismus und Norddeutschthum, dieses und Deutschthum, dieses und Preußenthum sind die streitenden Elemente, die verschärft werden durch den Kampf der Reaction mit dem Liberalismus, des Absolutismus mit dem Constitutionalismus, der Bureaukratie mit dem Selfgovernment, des Pietismus mit der Gewissensfteiheit und Gleichberechtigung, ein Kampf, der auf allen Gebieten die Gesetzgebung hemmt und bis ins Kleinliche hinüberspielt. Die Erscheinung ist überall dieselbige. Die zersplitterten Parteien sind an der Seine, an der Donau und an der Spree ohnmächtig, schwächlich, und darum muß der Zustand jedes Charakters entbehren und kann keinen Schritt vorwärts. Sie erlassen mir, einen Blick auf Italien zu werfen, wo eine impotente Regierung mit einem impotenten Parlament die Mißregierung der früheren kleinen Staaten im Vereinigten Italien nur fortsetzt, die Finanzen immer mehr zerrüttet, aber für den Aufschwung der Industrie und die Volksbildung nichts zu leisten vermag, wo die Republicaner gerade noch so viel Leben haben, um sich nach alter Weise zu verschwören und hie und und da in kläglichen Emeuten ihr Pulver zu verpuffen, die Reactionären und Klericalen, ihr Dasein zu ftisten, und die Administrirenden, ihre Geist- und Thatenlosigkeit zu documentiren. Auch auf Spanien verzichten Sie, das lebensunkräftig darniederliegt, und sich von Männern regieren läßt, welche die feilen Diener des ärgsten Absolutismus gewesen, und sich gegen diesen nur verschworen, als er ihnen Macht und Geld versagte. Damit die Carricatur nicht fehle, macht Rumänien von sich sprechen mit steten Ministerkrisen und Ministerwechseln, weil es sich nur um Parteigänger handelt, die, gleich bodenlos schlecht, nur für sich selbst zur Macht wollen, um sie für sich auszubeuten. Es handelt sich hier gar nicht um Principien, denn solche hat die ganze dortige Meute nicht. Die „rumänische Nation" hat die gewünschte Selbstständigkeit und eine sehr freie Constitution; Niemand von Außen will und thut ihr Böses; es käme nur darauf an, sie von ihren inneren Schäden zu heilen. Mer sie hat keine Männer, die dies wollen und vermögen. Gehen wir lieber zu den Ufern des alten Tibers. Wir bekümmern uns hier um die örtlichen Verhältnisse gar nicht. Ein Priesterstaat im 19. Jahrhundert und im Herzen von Europa ist keiner Veränderung, um so weniger einer Verbesserung fähig, sondern nur gänzlicher Beseitigung, aber der Papst hat jetzt seit vier Monden die hohe Geistlichkeit der katholischen Kirche — die niedere ist bekanntlich nur willenloses Werkzeug ihrer Oberen — versammelt, um durch ein Concil die Dogmen der unbefleckten Empfängniß, der päpstlichen Jnfallibilität und der im Syllabus ausgesprochenen Grundsätze zu votiren. Nicht die Religion, nicht die Sittlichkeit, nicht die Versöhnung und Ausgleichung, nicht der Friede bilden den Zweck des Concils, und man macht 19*