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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-10 · Heft 19 (10.5.1870) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 19 (10.5.1870)
Date
1870-05-10
Page
Seite 366 (sequence 2)
Language
German
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866 zusammenstellen? Kann uns ein anderer Gedanke kommen, wenn wir die gegenwärtige Constitutionsmacherei an der Seine mit den Bewegungen und Zielen der Vergangenheit seit 1789 in Verbindung bringen? Bleibt uns ein anderes Epitheton als charakterlos übrig, wenn wir die Lage des österreichischen Völkercomplexes in diesem Augenblicke betrachten? Und Italien und Spanien und Deutschland, und selbst — Rumänien! Die Männer, welche die Situation beherrschen und umwandeln sollen, sind ohne Charakter, die von ihnen in Bewegung gesetzten Mittel charakterlos, und so fallen die Verhältniffe immer mehr derartigen Zuständen anheim. Sie finden vielleicht dieses Urtheil etwas herbe. Aber so wenig ich irgendwie ein Lobpreiser vergangener Zeiten (laudator temporis acti) bin, so wenig kann eine Beurtheilung der Gegenwart ohne den Zusammenhang mit der Vergangenheit zu erwägen eine richtige sein. Wir können diesen Maßstab -nicht zurückweisen. Doch wir wollen uns durch einige besondere Streiflichter die Dinge klarer machen. Folgen Sie mir zuerst nach Frankreich. Hier hatte der Cäsarismus eine kurze Zeit seine, die aufgeregten Elemente beruhigende Gewaltmacht geübt, um dann seine schöpferische Kraft zu manifestiren, und ist damit kläglich gescheitert. Er hatte, wie es nunmehr offen liegt, weder die geistige Kraft hierzu, noch traf er auf die geeigneten Elemente und Zustände in der Welt. Seine innere Verwaltung kam aus dem Zustand der brutalen Dictatur nicht heraus, und nach Außen mißbrauchte er zuerst die Kräfte seines Volkes an Blut und Gut in Mexiko, und zeigte sich dann wieder in völliger Schwäche 1866. Hiermit hatte er fein Prestige verloren, und alle ihm feindlichen Elemente, alle Reste der früheren Bewegungen und Erschütterungen und alle unterdrückten Forderungen nach freiheitlichen und Rechtsinstitutionen erhoben sich gegen ihn. Napoleon III. fühlte die cäsarische Gewalt seinen Händen entschlüpfen, und da ihm nur das eine Ziel, seine Dynastie zu befestigen, jetzt noch vorschwebt, er aber fürchten muß, daß sein Sohn nicht im Stande sein wird, die Rolle des Casars durchzuführen, giebt er zwar die letztere auf, und will einen Zustand herbeiführen, der einige Garantien für die Dynastie mehr bietet, der den Bruch verhüten und jedenfalls eine Brücke schlagen soll, aber er will diesen so gestalten, daß ihm jeden Augenblick die früheren Zügel selbstherrlich wieder zu ergreifen möglich bleibe. Was aber bietet die Nation ihm als Gegenstück? Abgenutzte Parteien, abgenutzte Ideen, Zersplitterung und Mangel an allen Persönlichkeiten, welche die Führerschaft der Opposition übernehmen könnten. Diese Alle fürchtet Napoleon nicht; er zittert lediglich vor dem, in der gesammten Nation immer mehr erwachenden Widerwillen und Haffe gegen die cäsarische Gewalt, gegen das persönliche Regiment, gegen das empire autorltairs, und sucht daher jenen Widerwillen und Haß .durch allerhand Mittel zu bestechen und zu beschwichtigen. Fürwahr, mein Freund, was haben die letzten Monate in Frankreich erwiesen? Die Radicalen können nichts als schimpfen, die Linke nichts als schwatzen, die Mitte nichts als versprechen, die Rechte nichts als wüthen und der Kaiser nichts als intriguiren, einen Schritt offen Vorgehen und denselben heimlich wieder zurückmachen; allgemeines Stimmrecht und Plebiscit werden in ftatzenhafter Weise ins Spiel gesetzt, inhalts- und werthlos. Wie wird da eine Constitution gemacht, und wie kann eine solche die geringste Dauerhaftigkeit verheißen! Einen ähnlichen Zustand, aber aus anderen Motiven, zeigt uns Oesterreich. Dort hat man einen Augenblick lang einen constitutionellen Einheitsstaat versucht, aber zugleich mit der Revolution niedergeschlagen; man versuchte es hernach abwechselnd mit dem absoluten und mit dem cäsarischen Einheitsstaate, und dies glückte auf die Dauer nicht. Hierauf experimentirte man mit dem constitutionellen Dualismus, ohne zu erwägen, daß dieser den Todeskeim von selbst in sich trage, da er auf der einen Seite dem Nationalitätsprincipe nachgab, auf der anderen ihm entgegentrat, aber man hoffte, daß freiheitliche Staatsgrundgesetze die Nationalitäten versöhnen würden. Der Mensch will aber erst selbstständig und dann frei sein, und der überwiegende Bortheil, den die Magyaren errungen hatten, reizte die anderen, selbst die kleinsten Nationalitäten um so mehr. Die fteiheitliche Richtung söhnte die österreichischen Völker nicht aus. Die Sünden der Däter rächen sich an den Kindern. Da, wo die Freiheit der Urgrund einer staatlichen Vereinigung ist, läßt sie das Nationalitätsfieber nicht aufkommen, wie in der Schwei;, in Nordamerika. Aber wo die Freiheit nur ein spätes Geschenk nach langer verwüstender Despotie ist, ist sie kein Heilmittel für die krankhafte Nationalität, vielmehr nur ein Reizungsmittel mehr. Die constitutionelle Maschinerie muß stillstehen, wenn die einzelnen Räder den Dienst versagen. Aber selbst unter den österreichischen Deutschen fallen ihr ein-

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