Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1870)
- Date
- 1870-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34. Jahrgang. Allgemeine JW IS. Zeitung -es Iu-cnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Di. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 10. Mai 1870. wöchentlich einmal Dienstag», in 2 bi» 2>/, Bogen. Preis deS Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Tblr. Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich daS König!. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau unterzogen. Diese Zeitung erscheint Inserate werden mit I Inhalt. Leitende Artikel: Politische und sociale Zustände. I. — Die westrussischen Waisenkinder. — Die ungarischen Israeliten. Zeitungsnachrichten: Deutschland: München, Fürth, Naugard. — Oesterreichischungarische Monarchie: Wien, Krakau. — Rurnanien: Bukarest. - Belgien: Brüssel. — Schw eden: Stockholm. — Spanien: Madrid. Fenilleton-Beilage: Betrachtungen vom Thurme. II. — Am Putztisch. — Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, 24. April. Politische und sociale Zustäu-e. i. Sie wünschen, geehrter Freund, daß ich bei der Eigenthümlichkeit der gegenwärtigen Verhältnisse und Zustande in der politischen und socialen Welt, über diese einmal wieder meine Ansicht äußere, nach der, wie Sie sreundschaftlich bemerken, guten, von mir eingeführten Gewohnheit, die Dinge dieser Welt vom jüdisch-religiösen Standpunkt aus von Zeit zu Zeit zu betrachten. Der wechselnde Strom des Momentes birgt in seinem Innern stets ein Bleibendes, das, aus vorhergegangenen Ursachen erfloffm und nachsolgende Wirkungen bereitend, also trotz des Wandels auf der Oberstäche ein stetiges Glied der großen Kette der Entwickelung ist. Wie wir dies nun von den beiden erhabenen Gesichtspunkten des Judenthums, der göttlichen Providenz und der Entwickelung der Menschheit, wohl zu betrachten hätten, wünschen Sie von mir auch jetzt erörtert. Ich folge Ihrem Verlangen, wenn auch dies Mal mit einer gewissen Zaghaftigkeit. Denn was sich uns in dieser Zeit bietet, erscheint durchaus nicht erfreulicher Art. Die Situation ist von großer Bedeutung: mächtige Staaten befinden sich im Stadium innerer Umwandlung; aber sie finden die erforderlichen schöpferischen Kräfte nicht, und die Parteiverhältnisie sind derart, daß sie allesammt ohnmächtig erscheinen, eine dauernde Lösung herbeizuführen. Unter solchen Umständen herrscht das Kleine und Kleinliche, das eben obenauf ist, aber dies vermag den Völkern und Staaten nicht zu genügen. Damit ich mit wenigen Worten ausspreche, wie mir die politischen und socialen Dinge im Augenblicke sich darstellen: sie erscheinen mir in den europäischen Culturstaaten charakterlos, ja fratzenhaft. Oder verdienen etwa die Laffallianer-Epigonen und ihre schlagfertigen Anhänger ebenso wie die internationale Geheimbündelei mit ihren ewigen örtlichen Strikes nicht diese Bezeichnung, wenn man sie mit dem kühnen Aufschwung der socialistischen Theorien aus den vierziger Jahren, und noch mehr, wenn man sie mit jeder tüchtigen Volkswirthschaftslehre, und sei diese noch so einschneidend, vergleicht? Oder können wir einen anderen Namen finden, wenn wir das römische Concil mit den gigantischen Kämpfen der beiden Schwerter im Mittelalter