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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-03 · Heft 18 (3.5.1870) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 18 (3.5.1870)
Date
1870-05-03
Page
Seite 362 (sequence 18)
Language
German
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362 dem reuten Blau des Himmels, im freien Bade lauterer Luft und von den ungebrochenen Strahlen der Sonne beschienen! Du weißt es nur zu gut, daß nur wenig Liebe, viel Mißgunst und Haß, wenig Friede, aber viel Streit und Hader unter ihnen wohnt, und daß selbst diejenigen meist sich weit von einander wünschen, welche Natur und Geschick an einander gewiesen. Aber wenn dieses nicht, ist denn die Erde Gottes so klein, der Raum auf ihr so beschränkt, daß die armen Menschen ihre Hauser so hoch, ihre Straßen so eng, ihre Märkte so klein bauen müssen, während jedes Kraut, jede Rübe, jeder Erdapfel draußen aus dem Felde seinen genügenden Raum erhalt und besitzt, und das Wild und die Vögel und selbst das Gewürm frei durch Erde und Luft streifen? Sei gescheidt, hieß es in meinem Selbstgespräch weiter, und laß dich nicht aus Phantasien ein. Ja, es läßt sich da unten nur engbrüstig leben und die vielen Menschen und Thiere, in so engem Raum gebannt, müssen sich das bischen Luft vergiften, das sie einathmen. Fürwahr, es ist mehr zu bewundern, daß sie so zusammengepfercht im Ganzen sich noch so gut vertragen, und;u verwundern, daß nicht jede Krankheit zu überwältigender Seuche wird. Aber es ist doch einmal so und kann nicht geändert werden. Aber woher und weshalb ist es so? Daß sie die Häuser etwas hoch bauen, mag sein: Fundamentirung und Dach muß einmal jedes Haus haben. Aber warum so eng an einander? nicht durch Durchgänge, große Hofräume und Gärten von einander geschieden? warum die Straßen nicht breit, daß die Strömung der Luft und des Lichtes hindurch- und in die Menschenwohnungen hineindringen kann? Warum nicht hier und da große, freie, mit Bäumen, Blumenrabatten und Bosquets besetzte Plätze zur Freude und zum Genüße Aller, die über sie schreiten, oder aus ihnen lustwandeln? — Aber du weißt es ja, es ist dies die Frucht des barbarischen Mittelalters, jener Zeit, wo der Nachbar mit dem Nachbar in offenem Kriege stand, ein Jeder bewaffnet einherschritt, immer bereit, anzugreisen oder sich zu vertheidigen, wo jedes Städtchen eine Festung, mit Mauern und Wällen und Gräben fein mußte, sich gegen die Wegelagerer, die Raubritter, die kleinen und großen Herren schützen zu können, kleine Asyle der Sicherheit, Zufluchtsstätten der Freiheit, wie man diese damals verstand. Da durfte man nicht ins Weite gehen; da mußte man sich so eng wie möglich zusammenschließen, damit der Mauerring nicht zu groß und die Zahl der Vertheidiger nicht zu bedeutend sein brauche. Was hilft es nun, daß wir es jetzt anders wünschen; man kann die Hauser nicht einreißen und aus die Felder versetzen, die Straßen nicht verbreitern und keine Plätze schaffen, wo keine vorhanden; genug, wenn man neu anzulegende Stadttheile vor diesem Unsinn und vor dieser Gefahr bewahrt. Ich sah dies ein; aber mein Herz beruhigte sich nicht, und ich empfand eine Trauer darüber, daß die Menschen wohl das Besiere einsehen, aber durch den Wust, den die Vergangenheit um sie geschaffen, nur sehr langsam zur Ausführung, zur Verwendung dieser Einsicht gelangen können. Ja, du Einsamer auf dem Thurme hast gut reden und raisonniren. Begreif' es, daß der Mensch von den Umständen abhängig ist. Möge er in seinem Geiste frei zu werden streben; in den Verhältnissen des Lebens aber muß er sich in das Nothwendige zu fügen und zu schicken verstehen; gerade so wie du selbst hier aus der Hohe des Thurmes die unsäglich üble Lage der Dinge drunten in der Stadt erkennest — steige nur hinunter, und du wirst in diesen engen Straßen wandeln, in diesen Luft und Licht beraubten Häusern wohnen; selten wirst du Dich daraus entfernen, und immer wieder zurückkehren, weil du es nicht anders kannst und zuletzt es auch nicht anders willst. Weise ist, wer sich in die gegebenen Umstände so willig wie möglich schickt, sich in ihnen heimisch macht und sie zum Guten und Gottgefälligen mit aller Kraft benutzt. Gehe noch einen Schritt weiter, liebe Seele, kannst und willst du hier oben auf der Gallerie des Thurmes dein Nest bauen? Ja, wenn ich ein VLglein wär! aber du bist keins, hast keine Flügel, die dich hinauftragen, und kein Schnäbelchen, mit welchem du die Würmchen aus den Thurmritzen herauspicken kannst. Du mußt drunten bleiben und arbeiten. Es ist schon ganz gut so. Wäre unsere Seele nicht gebunden durch die Verhältnisse, welche das Geschick schon in der Wiege um den einen Fuß schlingt, während wir selbst aus ihnen hernach ein anderes Band weben, das wir uns um den anderen Fuß knüpfen: wie würde sie in der Irre umherflattern, psad- und ziellos, und darum kraft- und erfolglos! Ja, das Meiste und Beste, das wir an und in uns haben, dazu brachten uns die Umstände des Lebens, die wir mit der eigenen Kraft beackerten, unter dem Schweiße unseres Angesichtes. Es lebe der Boden, es lebe die Luft und der Sonnenschein und der Regen, und noch mehr lebe unsere Arbeit, wenn wir auch zu ihr genöthigt sind, denn durch sie haben wir auch das volle Recht auf die Früchte! (Fortsetzung folgt.) Das Attentat aus den Director Deutsch. (Schluß.) Angkl.: Ich hatte ausnahmsweise zwei Abtheilungen der zweiten Claffe zu besorgen, unterrichtete ein Kind, welches unruhig und trotzig war und sich auf den Boden warf. Ich züchtigte das Kind, es war ein Mädchen, Namens Mander. Das lief ins Arbeitszimmer, und ein Knabe, Berand, benützte die Gelegenheit, um, während ich beschäftigt war, die übrigen Kinder gegen mich aufzureizen und einen Lärm zu provociren. Es war das zufällig ein Knabe, welchen ich mit besonderer

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