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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-05-03 · Heft 18 (3.5.1870) · p. Seite 361

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 18 (3.5.1870)
Date
1870-05-03
Page
Seite 361 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zirdenthmns. Feuilleton-Geilage zu tlr. 18. Leipzig, den 3. Mai 1870. Betrachtungen vom Thurme. - i. Es war immer ein Lieblingswunsch bei mir, einmal in einem Luftballon hoch über der Erde zu schweben, daß diese Kugel, die sich unter den Weltkörpern weder an Größe und Schwere, noch an Geschwindigkeit besonders auszeichnet, mit ihrem Dunst- und Wvlkenkreise weit unter mir liege, oder vielmehr durch den Raum rolle. Sie, die ich doch mit so vieler Liebe umfasse, die all mein Glück tragt wie Alles, was meine Sorgen und meine Schmerzen ausmacht, wollte ich aus dieser Bogelperspective betrachten; so losgelöst von ihr und dem Netze, mit welchem sie uns umspannt, und dennoch mit allen Fasern des Herzen noch an ihr hangend, glaubte ich ganz absonderliche Gedanken und Gefühle in mir aufsteigen zu sehen. Zch hoffte, dort oben in der Höhe das Leben drunten ganz anders beurtheilen zu können, ohne bereits in den Kreis der Seligen zu gehören, und somit aus den menschlichen Leidenschaften und Ansichten, die uns Alle mehr oder weniger befangen halten, herausgetreten zu sein. Allein das Schicksal, das in der Regel klüger ist als wir, hat mir diesen Wunsch nicht erfüllt, und hat gewiß recht daran gethan, denn ich meine, die Furcht und Besorgniß, die bei einem solchen Wagestück den schwachen Sterblichen beherrschen, würden mir keine genügende Freiheit des Denkens und Empfindens übrig lassen und der gewünschten Orinigalität der Jveen allen Raum entziehen. Um so lieber besteige ich inmitten einer Stadt einen hohen, wo möglich den höchsten Thurm, um hinunterzuschauen und mich meinen Betrachtungen zu überlassen. Dies that ich auch heute, lehnte mit den Armen auf der Ballustrade der obersten Gallerie und blickte hinab. Es war noch in den ersten Vormittagsstunden; ein starker Nebel war vom Flusse ausgestiegen und hatte sich über die Stadt und die Ebene gezogen. Allmalig aber, wie die Sonne höher stieg, lichteten ihre Strahlen den weißen Schleier, daß er zuerst von dem dampfenden Strome schwand und aus der Flur immer weiter zurückwich, bis er nur noch die fernen Höhen verhüllte. Nur auf der Stadt hielt er sich fest, so daß diese wie ein Wurm im Cocon aussah. oder wie ein Kleinod, das glitzernd durch die umhüllende Watte schimmert. Nun, die reine Luft, die mich hier oben umweht, die Stille, die mich nmgiebt und nur sehr leise vom heraufdringenden Geräusch der Stadt berührt wird, die feierliche Einsamkeit, die meine Seele in ein trautes Stillleben mit sich selbst versenkt , sie lassen mich gern hier ausharren, bis das Licht auch drunten auf die Dächer, die Markte und in die Straßen eingedrungen. Jetzt liegt Alles klar vor meinen Blicken: das gewaltige Häusermeer, das von einem Mittelpunkte aus nach allen Seiten sich ausdehnt, und dann noch von seinen Grenzen wie Fühlfäden, aber unbewegliche, in die Weite hinausstreckt, der Fluß, der wie ein breites Silberband die Ostseite der Stadt in einem Halbkreise umfließt, einige Vorstädte von ihr trennt, aber ebenso, wie er unabsehbar von Süden her die Ebene durchschneidet, seinen Lauf nach Norden nimmt mit einem Bette, das sich vor meinen Augen immer mehr zu verengen scheint, dann und wann blitzt auch aus der Ferne irgend eine unruhigere Welle im Sonnenstrahl auf, endlich die fruchtbare Ebene, auf welcher die dunklere Schattirung eines Haines oder Waldes von dem helleren Grün der Wiesen und jungen Saaten sich abhebt, und in der Ferne der Gürtel des Höhenzuges, der im Westen den weiten Horizont begrenzt. So gut ist es freilich an der Morgenseite nicht, wo eine gelbe Sandfläche durch die gerade Linie einer Chaussee durchschnitten ist, die einförmig in eine unbekannte, aber sicherlich nicht schöne Ferne führt. Meine Blicke senften sich jetzt zur Stadt nieder. Am Fuße des Thurmes lag ein regelmäßiger Platz, von welchem aus mehrere Straßen in das Straßengewirre Hineinschnitten. Aber so eng mußten diese, und die Häuser so hoch sein, daß sie nur wie schwarze Fäden, oder wie Einschnitte, die von einem Messer in einer weichen Masse zurückgeblieben, aussehen. Himmel, dachte ich, lieben sich denn die Menschen so sehr, können sie nicht dicht genug einander auf dem Nacken sitzen, um sich ihre Zuneigung und Freundschaft zu beweisen, um Aug' ain Auge, Herz am Herzen zu laben? Scherze nicht Freund, sagte ich zu mir selbst, hier oben in der Höhe, unter

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