Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1870)
- Date
- 1870-05-03
- Page
- Seite 356 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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356 zum ordentlichen Professor ernannt. Er war einer der ersten jüdischen äurls utrius^ue-Doctoren und ordentlichen Professoren in Oesterreich. Der Verblichene, der eine trauernde Wittwe hinter läßt, stand im 68. Lebensjahre." Ter Verstorbene vereinigte in einer seltenen Weise ausgedehntes jüdisch-theologisches Wissen und juridische Gelehrsamkeit, so daß er während seines überaus thätigen Gebens in beiden Fächern mit großem Erfolge lehrte. Ein viel gebrauchtes Religionsbuch und eine treffliche Uebersetzung des Gebetbuches nebst vielen einzelnen Abhandlungen zeugen für seine Theilnahme an der jüdischen Theologie, wie er nicht minder Werthvolles nach dem Urtheile von Fachmännern in der juridischen Literatur geliefert hat. Er lebte in sehr glücklicher Ehe, ohne Kinder zu hinterlassen. Sein Andenken wird stets ein ehrenvolles sein. Wien, im April. Nach der „N. Fr Pr." sind im ersten Quartal dieses Jahres zu Wien 23 Personen zum Judenthume übergetreten, während nur 7 sich der katholischen Kirche zuwandten. Pest, 15. April. Die hierländischen Wirren nehmen immer mehr ihren entschiedenen Fortgang. Die hiesige Gemeinderepräsentanz hat eine Eingabe an den Reichstag beschlossen, in welcher gegen die völlig unrichtige Auffassung des Reichstages, als ob es verschiedenene jüdische Secten gäbe, nachdrücklich demonstrirt werde. Dagegen bereiten die Orthodoxen einen Petitionssturm an den Reichstag vor, daß der jüdische Landesmassafond an diejenigen Gemeinden überwiesen werde, welche dem Eongresse nicht beigestimmt hätten, denn alle Anhänger des Eongresses seien vom Judenthume Abgefallene. Desgleichen tritt hier in Pest ein (iomtte auf, das einen Aufruf erlassen, in welchem es unter Anderen heißt: „In Anbetracht dessen, daß die hiesige israelitische Gemeinde sich auf Grundlage her Eongreß-Statuten bereits constituirt hat; in Anbetracht dessen, daß es unserer religiösen Ueberzeugung widerstrebt, einer auf obiger Grundlage constituirten Gemeinde anzugehören, so erachtet es das ergebenst unterfertigte Eomite für seine Pflicht, sämmtliche vorbereitende Schritte einzuleiten, um hierorts eine selbstständige orthodox-jüdische Gemeinde bilden zu können." Pest, 21. April. iPrivatmitth.) Was früher hätte geschehen, wozu man durch das Beispiel der Gegner sich rechtzeitig hätte bestimmen lassen sollen, um dem einseitigen Schlage im Reichstage zuvorzukommen, das ist nunmehr vor sich gegangen. Gestern fand hier eine Versammlung vieler Congreßanhänger und der bereits erannten Gemeindedistrictsvorsteher statt, um sich über die gegenwärtige Lage unserer Angelegenheiten zu berathen. Man hat beschlossen, durch Massen-Unterschriften dem Reichstage zu beweisen, daß die große Mehrheit der jüdisch-ungarischen Bevölkerung den Congreßbeschlüssen anhängt; ferner sollen Gemeinden und Einzelne eingehende Petitionen an das Cultusministerium richten, und ferner sollen die bedeutendsten Rabbiner Europas aufgesordert werden, sich darüber zu äußern, ob die Congreßbeschlüsse irgend dogmatische Unterschiede involviren. Rußland. Wladislawow, 3. April. (Privatmitth.) Von Ihren Correspondenten aus Rußland ist ein Artikel des Regierungsanzeigers übergangen worden, der genug Interesse hatte, seiner Zeit in Ihrer gesch. Zeit, mitgetheilt zu werden. Obwohl nun jener Arttkel schon vor drei Monaten erschien, so ist er doch auch jetzt nicht ohne Interesse; besonders wichtig für uns russichcn Juden sind die Schlußworte des Artikels und theile ich Ihnen darum den ganzen Arttkel mit. Von unserem Gebetbuche sind zwei russ. Uebersetzungen erschienen und eine dritte befindet sich unter der Presse. Auch von Jellineks ethnographischer Studie „Der jüdische Stamm" ist eine russische Uebersetzung erschienen. Im Regierungsanzeiger Nr. 4 (6. Jan.) lesen wir folgende Bemerkung: In Nr. 89 des Nikolajewski Wjeftnik ist veröffentlicht ein „Hülferus" des Nikolajewer Rabbiners Kohon, welcher seine Glaubensgenossen zur Hülfe der Juden im Gouv. Kowno aufrufcnd, die Lage der letzteren mit den düstersten Farben schildert. „Die Juden ernähren sich" heißt es in jenem Aufruf „statt des Grobes mit Kohlstrunk, mit Schnittkohl und' Kartoffelschalcn, wodurch viele ein Opfer des Typhus werden; ein hartes Stück Brod ist ein wahrer Schatz für eine Familie; Mütter nehmen sich das Leben, um nicht Zeugen der Todesqualen ihrer Kinder sein zu müssen;