Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1870)
- Date
- 1870-05-03
- Page
- Seite 357 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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857 schaarenweise streifen die Hungernden in den Straßen herum und fallen wie Fliegen;" ferner heißt es: „daß dieser Nothstand nicht nur sich nicht vermindert, sondern stets im Steigen begriffen ist." Dem Gefühle Gerechtigkeit widerfahren lassend, das den Lerfasser bewogen hat, seinen Hülferuf zu erlassen, kann man doch nicht umhin einzusehen, daß das Mitgefühl für seine Glaubensgenossen den Nikolajewer Rabbiner über die Grenze aller Wahrscheinlichkeit fortgerissen hatte. Zweck gegenwärtiger Bemerkung ist, die Facta in ihr wahres Licht zu setzen. Die Mißernten der letzten zwei Jahre, besonders des Jahres 1868 haben sehr nachtheilig auf die Bevölkerung des Gouv. Kowno gewirkt. Der Mangel an Nahrungsmittel war sehr fühlbar; die Verbreitung vieler Krankheiten, besonders des Typhus hat solche Dimensionen erreicht, wie man es sich aus früherer Zeit gar nicht erinnern kann. Um den Nothleidenden Hülfe zu leisten, sind alle möglichen Maßregeln vorgenommen worden. Die Regierung erließ bedeutende Summen: von der Freigebigkeit Sr. Majestät des Kaisers wurden 10,006 Rubel, von dem Kronprinzen -41,000 Rubel für das Gouv. Kowno bestimmt. Durch zeitig genug vorgenommene Maßregeln, durch den Ankauf von Getreide im Gouv. Orel, wo in Folge einer reichen Ernte die Preise nicht hoch stiegen, war die Verpflegung der Einwohner nach Möglichkeit gesichert. Verflossenen Frühling.wurde es den Landleuten ermöglicht, ihre Felder zu besäen, indem ihnen Getreide verabfolgt wurde mit einem längeren Zahlungstermin, oft auch unentgeltlich. In Kowno, wo die Nothleidenden am meisten zufammenströmten, wurden den ganzen Winter und Frühling hindurch die Hungrigen täglich mit Speisen versehen, so daß in dem dazu eingeräumten Gebäude sehr oft bis 2000 Christen und 3000 Juden bei Tische saßen. Den Erkrankten wurde schnelle und sorgfältige Hülfe zu Theil; an vielen Drten wurden provisorische Krankenhäuser eingerichtet; die staatlichen Krankenhäuser nahmen Kranke auf zu jeder Zeit und so viel als nur darin Platz finden konnten. Bei all' dieser Fürsorge waren auch die Juden nicht vergessen und die Gaben der Wohlthätigkeit wurden ihnen ebenso zu Theil, wie den Armen aller andern Confessionen. Aus den angesehensten jüd. Bürgern der Stadt wurde in Kowno ein Comit« unter dem Vorsitze des Gouverneurs conftituirt, das sich zur besondern Aufgabe machte, Mittel zur Abhülfe des Nothstandes unter den Juden auszusuchen. Außer den Mitteln, die damals sich unter Händen befanden, gingen in Folge eines Aufrufes des Comites bedeutende Spenden ein, nicht nur von russischen, sondern auch von ausländischen Juden, die ungefähr 40,000 Rubel betragen haben. Dank den Bemühungen der Administration und der Einwohuer war der Zustand der Nothleidenden auch Ende 1868 und Anfang 1869 nicht so traurig wie es gegenwärtig von Gerüchten und Privatnachrichten geschildert wird, die sich auf keine Thatsachen gründen. Es kam entschieden kein Vorfall eines Hungertodes vor und Angaben, wie die Juden stürben wie Fliegen, hatten auch damals nicht den kleinsten Anspruch auf Wahrheit. Mit dem Eintritt des Frühlings, bei Eröffnung der Feld- und Gartenarbeiten hat sich der materielle Zustand der Bevölkerung.bedeutend gebessert, und gleichzeitig beschränkte sich auch die Verbreirung der Krankheiten. Um der nicht zur Feldarbeit gewohnten Bevölkerung, zu welcher größtentheils die Juden gehören, Arbeit zu verschaffen, wurden in Kowno öffentliche Arbeiten begonnen, wie die Pflasterung, Canalisirung und Planirung der Straßen, die Errichtung eines Boulevards und Erbauung einer Chaussee u. s. w. Bei all' diesen Arbeiten, die 15000 Rubel kosteten, waren den ganzen Frühling und Sommer täglich bis 250 Arbeiter behülflich; letztere, selbst mit dem Nöthigsten versorgt, bekamen Tagelohn, wodurch der Zustand ihrer Familien gesichert war. Die reiche Ernte dieses Jahres hat den Zustand der Bevölkerung des Gouv. Kowno, und darunter auch den der Juden vollkommen gesichert. Im Laufe des Sommers hat der Typhus seine epidemische Eigenschaft verloren, die ungeachtet des feuchten Herbstes sich nicht wieder erneuert hat, so daß im Kownoer jüd. Krankenhause im Verlause des Monates November sich nur 53 Typhuskranke befanden, während im Nvv. 1866 die Zahl der Kranken sich auf 150 belief, und am 12. Dec. 1869 befanden sich nur 14 Typhuskranke im gedachten Krankenhause. Aus allem diesem ist es ersichtlich, inwiefern die Angabe des Nikolajewer Rabbiners richtig sei, daß der Zustand der jüd. Bevölkerung des Gouv. Kowno sich immer mehr verschlimmere.