Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1870)
- Date
- 1870-05-03
- Page
- Seite 354 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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354 ihre gemeinschaftlichen Studien ein besonderes Zimmer eingeräumt wurde, in welchem die beiden jüngeren theils selbstständig theils unter Anleitung des Herrn Krimke „lernen." In jüngster Zeit ist in unserer Gemeinde der erste Fall vorgekommen, daß ein Vater sich geweigert hat, an seinem Sohne die Beschneidung vollziehen zu lassen. Dr. med. Edel hat nämlich allen Vorstellungen, die ihm gemacht wurden, zum Trotze die Operation an seinem Kinde nicht vornehmen lassen. Wir fürchten indeß nicht, daß dieses Beispiel hier so bald Nachahmung finden werde, da auch die sonst sreidenkenden Mitglieder unserer Gemeinde über jenes Ereigniß ihre entschiedene Mißbilligung zu erkennen gegeben haben. In Lauenförde hat sich neulich der dortige ultramontane Geistliche eine erstaunliche Engherzigkeit zu Schulden kommen lassen. Die von demselben unterrichteten Confirmanden wollten nämlich die für die Confirmationsfeier erforderlichen Stühle und einen Teppich von einer jüdischen Familie leihen, welche sich hierzu bereit erklärt hatte. Der Prediger aber hat sich entschieden geweigert, die Benutzung von Gegenständen zu gestatten, welche von Juden geliehen seien. Man sollte eine solche Beschränktheit kaum glauben. Daß die Juden, den Werth des Wissens und der Bildung erkennend, überall dahin streben, ihren Kindern einen gründlichen Unterricht ertheilen zu lassen und sie daher auch, wenn irgend möglich, aus höhere Anstalten schicken, ist eine bekannte Thatsache und findet sicher die Anerkennung aller Vorurtheilsfreien. Der Rischus dagegen sucht auch an dieser Thatsache zu mäkeln und so lesen wir im sechsten Jahrgänge von Hassel's Zeitschrift für preußische Geschichte und Landeskunde S. 639 in einem Referate über einen die Statistik von Berlin betreffenden Aufsatze von H. Schwabe: „Wie vortheilhaft die jüdische Bevölkerung dabei fährt, daß sie von gewerblicher Arbeit sich fern hält und überwiegend den einträglicheren Gewinn durch Handel sucht, ersieht man daraus, daß sie im Stande ist, von ihren schulpflichtigen Söhnen 57 Procent auf höhere Anstalten zu schicken, während dies den evangelischen Einwohnern nur mit 26, den katholischen sogar nur mit 14 Procent gelingt; von den jüdischen Töchtern besuchen 66 Procent höhere Mädchenschulen." Breslau, im April. Die „Breslauer Zeitung" schreibt: „Ein absonderlicher Congreß wird in den Tagen vom 26. bis 28. April in Berlin tagen. Die sämmtlichen deutschen Gesellschaften zur Beförderung des Christenthums unter den Juden werden nämlich hier versammelt sein, auf Einladung der hiesigen GSsellschast, deren Präsident der Exminister von Westphalen ist und unter dessen Vorstand sich außer dem Herren- Haus-Mitglied Senfft von Pilsach eine Schaar der strenggläubigsten evangelischen oder richtiger lutherischen Geistlichen, darunter der unermüdliche Knak, befinden. Nach einer Mittheilung in der Kreuzzeitung wird unter andern der jüdische Proselht, Professor Paulus Cassel, vormals Selig Cassel, welcher 1866 als Mitglied des Abgeordnetenhauses für Teltow mit Wantrup rivalisirte, einen Vortrag über das schwierige Thema halten, „wie die Theilnahme der christlichen Gemeinde an der Judenmission erweckt und in reicherem Maaße gemehrt werden kann." Die Judenmission ist in Deuffchland übel daran; auch in den zurückgebliebensten Gegenden Deutschlands wollen die Bauern, wenn sie auch noch für die Kaffernbekehrer mehr beitragen, als zur Erhöhung der Schullehrergehälter, doch kein Geld für die Judenbekehrung opfern. Der großen evangelischen Judenmissionsgesellschaft, deren Missionäre sich oftmals wochen-, ja monatelang in den mit zahlreicher jüdischer Einwohnerschaft versehenen polnisch deutschen Städten des Ostens niederlasfen, soll jeder getaufte Jude eine enorme Summe kosten, viel mehr als der hiesigen Heidenmissionsgesellfchaft nach des Abgeordneten Parisius Berechnung der getaufte Kaffer. Die deuffchen Judenmissionsgesellschaften ziehen ihre Beiträge außer von jüdischen Proselyten nur aus den exclusiv-orthodoxesten Kreisen der wohlhabenden Bevölkerung, und in diesen Kreisen pflegt man mit Geldbeiträgen keineswegs verschwenderisch umzugehen. Das Thema des Professor Cassel ist also für diese Gesellschaften sehr zeitgemäß. Heidelberg, im April. (Privatmitth.) Am 12. d. M. entschlief nach kurzen Leiden sanft der Bezirks- und Conferenz- Rabbiner Salomon Fürst ^dahier in einem Alter von 78 Jahren. Die gesammte katholische und protestanttsche Geistlichkeit, Bürgermeister und Gemeinderath, die Staatsbehörden, ein großer Thell der Bürgerschaft, so wie zahlreiche Abordnungen aus den Landgemeinden geleiteten ihn zum Friedhof. Eine Biographie Fürst's befindet sich in dem 6. Hefte von Kayserling's „Bibliothek jüdischer Kanzelredner," auf die wir die Freunde und Verehrer des Dahinge-