Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1870)
- Date
- 1870-05-03
- Page
- Seite 352 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Literarischer Wochenbericht. Frankfurt a. d. Oder, 12. April, s Sauls tragisches Geschick im Dienste ultramontauer Tendenzen.) Das Geschick, als Held resp. Heldin für die Bühne verarbeitet zu werden, ist bekanntermaßen schon fast allen hervorragenden biblischen Persönlichkeiten widerfahren. Keine derselben jedoch — so glauben wir mit einiger Bestimmtheit sagen zu können — hat sich bis jetzt dieses literarische Experiment häufiger, als gerade der unglückliche König Saul, gefallen lasten müffen. Er figurirt bereits drei oder vier Mal in der Oper, vielleicht ebenso oft im sogenannten historischen Drama uud sicherlich öfter in der Tragödie. Woher kommt's aber, daß Componisten und Dichter gerade so ganz besonders zu dieser Bibelfigur hingezogen werden? — Die Frage ist leicht beantwortet, denkt man einerseits an den höchst mysteriösen Charakter, der den König Saul kennzeichnet, andererseits aber auch an das äußerst traurige Ende, das er selber, wie seine Dynastie überhaupt, nimmt. — Neu aber und ganz originell erscheint es uns, Saul und sein tragisches Geschick zu einem reinen Tendenzstück be- und verarbeitet zu sehen. — Solches zu produciren, ist dem österreichischen Dramendichter C. Marinelli Vorbehalten geblieben. Derselbe, ein bekannter Literat aus dem Lager der Ultramontanen, bildete sich ein, seiner Partei einen ganz ausgezeichneten Dienst zu Leisten, wenn er in der Gestalt eines weltlichen Machthabers einen „tragischen Helden" auf die Bühne brachte, der all' das Unglück, so ihn traf, nur der einen großen Sünde zuzuschreiben hatte, daß er gegen eine höhere Macht, die der Geistlichkeit nämlich, revolutionär vorgegangen. — Einen Schuldigen und Gerichteten dieser Art erblickt er — natürlich nur durch seine scharfe echt-römische Brille — in Saul, dem ersten König von Israel, und flugs hat er aus ihm und seiner Regierungsgeschichte eine fünfactige Tragödie fabricirt, welche allerdings einen <sehr breiten) biblischen Boden hat, auf demselben aber nicht stehen bleibt, vielmehr ihn nur zu bald verläßt, um Gedanken und Dinge zur Anschauung zu bringen, die da ganz und gar abseits der alten Urkunde liegen. — Und gelinder, wahrlich, kann man sich nicht ausdrucken, wenn man z. B. sieht, tvie der Berfaffer die Zauberin von Endor nicht den „Geist Samuels" heraufbeschwören laßt, sondern jener Frau sich nur dazu bedient, um durch ihren Mund — in Gegenwart des Königs — den Rivalen desselben, den David, zu segnen, dem Könige selber aber bloß nebenher Etwas von Nichts weniger als wesentlicher Bedeutung mitzutheilen. — Anzunehmen, daß die schaurige Vision, die Saul gehabt, nichts weiter als die Ausgeburt einer allzugroßen Ueberreiztheit der Nerven gewesen, und die Sache von diesem Gesichtspunkte aus dramatisch darzustellen, ist mindestens, was man sagt, modern. Unser österreichischer Saul-Dichter aber sucht in einer ganz andern Weise seinen Stoff zu modernisiren, sucht mit deffen Verarbeitung in ganz anderer Weise dem Geschmacke der Zeit, — welcher natürlich nur sein eigener und der seiner Partei ist, — Rechnung zu tragen. Für Herrn M. steht — nach dem bekannten Ausspruch des Papstes Jnnocenz III — die kirchliche Macht hoch über der weltlichen, der Stuhl Petri hoch über Kaisers- und Königsthron. — Und wie er nun in Samuel nur die hohe und mächtige, allein zum Herrschen berufene, priest erliche Gewalt verkörpert sieht, so ist ihm selbstredend Saul nichts anderes als das widerstrebende w e ltliche Element, welches eben weil es widerstrebt, ganz und gar zu Grunde geht. Nicht dafür, daß der König von Israel, indem er gegen den Propheten sich auflehnt, Gott selber Trotz bietet, wird er gerichtet, sondern einzig und allein nur, weil er Priesters Wort nicht respectirt, trifft ihn und sein ganzes Haus Tod und Verderben. — „Wer den Priester nicht ehrt, ist des Lebens nicht werth." — Das ist der Schwerpunkt des M'schen Stückes, das der Dichtung Kern, das des Dichters Tendenz. Um alles ganz kurz zu bezeichnen, so genügt ein einzig Wörtlein; es heißt: „Concil." L. Weyl. Zcitungsnachrichtcu. Deutschland. Dresden, 16. April. (Privatmitth.) Die Herren Oberrabbiner Dr. Landau, Joseph Meyer, Moritz Elirneyer und Advocat Emil Lehmann allhier haben ein Comits für eine „Krug-Stiftung" gebildet und einen