Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1870)
- Date
- 1870-05-03
- Page
- Seite 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226763--28318-3302138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
346 Wolke, Sturm, Meer, als Götter auftreten, so sind es bei den Semiten mehr die Begriffe von Kraft und Macht, des guten und bösen, des männlichen und weiblichen Principes, die zu Göttern erhoben wurden. Man könnte uns hier den Dagon und die Derketo als Fisch¬ oder Meergottheiten einwenden, indeß wohl mit Unrecht: sie gehörten (wie 'der babylon. Odakon) zu dem Geschlechts der Oannes, der göttlichen Wohlthäter, welche den Menschen den Ackerbau, die Künste und die Gesittung lehrten, und diese wurden als Fischmenschen geschildert, wohl weil den Semiten die Cultur zur See gekommen war; eine Bedeutung als Meergottheit ist bei Dagon und seinem weiblichen Princip Derketo nicht nachzuweisen. Weniger befriedigt sind wir von der Erklärung dieser Thatsache durch Herrn Müller. Freilich ist seine Bemerkung über die größere Beständigkeit der Wurzeln im Semitischen wohl richtig, aber sie erläutert nicht das, was Müller dadurch klar machen will. Sie zeigt uns nur, weshalb in den semitischen Culten eine so ausgebildete Mythologie, wie bei den indo-germanischen Völkern, gar nicht entstehen konnte. Indem man der ursprünglichen Bedeutung der Götternamen eingedenk blieb, kam man nicht dazu, die Träger solcher Bezeichnungen in die mannichfachsten, mit ihrem eigentlichen Charakter gar nicht zusammenhängenden Abenteuer zu verwickeln, ihnen Söhne und Enkel zu geben u. s. w. Davor schützte sie das bei den Semiten stets lebendige Bewußtsein von dem eigentlichen Sinne der Götternamen. Aber wieso es kam, daß die Semiten von Beginn an ihre Götter abstracter auffaßten, als die Jndogermanen, mehr Ideen, als concrete Dinge, zu Gottheiten erhoben, die herrschenden Kräfte außerhalb der'Matur suchten, statt wie die Arier innerhalb der Naturerscheinungen selbst: das wird durch Müllers Bemerkung nicht erklärt. Wenn die Gottheiten der Semiten nicht sogleich abstracte gewesen wären, hätten ihre Namen auch nicht eine abstracte Färbung bewahren können. Hier muß also der Grund anderswo liegen. Nein, es läßt sich nicht leugnen, die Arier dachten stets plastischer als die Semiten. Die Culturgeschichte der beiden Völker zeigt das auf das deutlichste. Die bildende Kunst hat von jeher bei den indogermanischen Völkern ihre höchste Ausbildung erlangt; Großartigkeit ist auch semitischen Kunstwerken nicht abzusprechen, wahrhafte Schönheit .und ästhetische Vervollkommnung in's Einzelne hinein aber nur bei den Schöpfungen arischer Künstler zu finden. Epos und Drama sind nur den Ariern eigen. Dagegen haben die Semiten sich stets des abstracteren Denkens befliffen. Sie machen nicht den Himmel zu einem Gotte für sich, sondern sie verehren den „Herrn" Baal auch insofern, als er Baal-samin oder Baal-schamaim, Herr des Himmels, ist. In diesem Gegensätze zwischen BLruna, Uranos, Zeus, „dem Himmel als Gott," einerseits und dem Baal-samin andrerseits spiegelt sich so recht der Gegensatz arischer und semitischer Auffaffung. Die semitische Poesie ist rein subjectiv und abstract, also lyrisch. Gewiß, wir finden in der Bibel die schönsten Naturschilderungen; aber niemals, wie bei den Griechen, Römern, Modernen, als Beschreibungen der Natur an sich, sondern nur als Darstellung der Natur, insofern sie Ausfluß der göttlichen Schöpferkraft und Weisheit, Verherrlichung Gottes ist; höchstens erscheint die Natur hier und da, bei Hiob, in den Psalmen, als Analogon menschlicher Gefühle, Gedanken und Zustände. Die Anregung zum abstracten Denken ist den Griechen jedenfalls von den orientalischen Völkern gekommen, während die Inder sich von den Feffeln der Naturphilosophie nie ftei machen konnten, die zoroastrische Lehre aber, der ursprünglichen persischen Naturreligion gegenüber, unverkennbar semitischen und zwar babylonischen Einfluß verräth. So war allerdings bei den Semiten der Monotheismus eher möglich, als bei den Ariern. Man verstehe uns recht. Wir sind weit davon entfernt, etwa, wie Renan, einen „monotheistischen Jnstinct" bei den Semtten anzunehmen. Waren doch im Alterthum alle semitischen Völker mit Ausnahme der Israeliten Polytheisten. 3m Mittelalter erzeugten auch die Araber eine monotheistische Religion; aber kamen sie etwa von selbst darauf? schufen sie einen eigenen monotheistischen Gottesbegriff? Keineswegs; sie adoptirten ganz einfach den Gott, den sie in der jüdischen und der aus ihr entstandenen christlichen Religion vorfanden. So bleiben uns als wahre Schöpfer des Monotheismus nur die Israeliten übrig; wir müssen dies auf das schärfste betonen; und selbst bei diesen war, wie bereits erwähnt, der Sieg des Monotheismus erst nach vielen Schwankungen und langem Kampfe möglich. Nur das soll behauptet werden: der Monotheismus fand immerhin eher in einer semttischen Völkerschaft Boden, als in einer arischen. Den Ariern war die Annahme des Monotheismus noch schwieriger, als den Semtten. Der Grund hiervon liegt