Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1870)
- Date
- 1870-04-26
- Page
- Seite 343 (sequence 19)
- Language
- German
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343 die lucrative Praxis, und er folgte daher um Pfingsten 1835 einem Rufe nach dem Städtchen Klötze in der Altmark, wo der einzige Arzt, der zugleich der einzige in einem weiten Umkreise war, plötzlich gestorben war. Er ging hin, um die Berhältniffe kennen zu lernen, und die des Arztes bedürftige Einwohnerschaft ließ ihn nicht einmal auf einen Tag zurückkehren. Bibliothek und Instrumente folgten ihm sofort, bald auch die Familie. Fünfunddreißig Jahre lebte er hier dem überaus anstrengenden Berufe des Landarztes, als Arzt, Geburtshelfer und Operateur, Tag und Nacht in Anspruch genommen, in der Hitze des Sommers wie in den Nordstürmen des Winters auf dem Wagen bis zu verhältnißnzäßig weiter Entfernung vom Hause, unermüdlich, zugleich Freund und Berather Aller und Versorger der Armen. Ein solcher Landarzt gehört, so weit es nur Sterblichen gegönnt ist, zu den warhaften Jvealen der Menschenfreundlichkeit, der Aufopferung für das Wohl Anderer. Denn in der damals äußerst vernachlässigten Provinz — erst in der Mitte der vierziger Jahre bekam die Altmark die erste Chaussee, und nur einmal wöchentlich kam die königlich preußische Post in Klötze von dem 10 Meilen entfernten Magdeburg an —, in der dadurch sehr armen Landschaft war für so unsägliche Strapazen der finanzielle Lohn nur ein geringer. Non welchem unerschöpflichen Eifer PH. beseelt war, darüber nur der eine Beweis, daß er nach den Bekanntmachungen der königlichen Regierung viele Jahre derjenige Arzt im gesammten, sehr großen Regierungsbezirke war, welcher die meisten Impfungen vollführte, und hierzu mußte von Dorf zu Dorf patrouillirt werden. Von Anerkennung und Beförderung seitens der Staatsbehörde für einen Juden war selbstverständlich keine Spur; durfte damals ein solcher doch nicht einmal Kreisphysikus werden. Erst spät — natürlich ohne sein Zuthun, zu seiner großen Ueberraschung — verlieh ihm die Regierung den Titel eines Sanitätsrathes. Aber was that dies unserem PH., dessen Herz weder an Reichthümern, noch an dem Lobe und den Ehren der Menschen hing, sondern allein an der Erfüllung seiner Berufs- und Menschenpstichten, an dem Wohlgefallen vor Gott und Menschen, und unter letzteren besonders den Armen und Hülfsbedürftigen, dem der Wohlstand seines Hauses genügte, und das häusliche Glück über Alles ging. Aber auch dieses wurde ihm oft genug verdüstert. Er stand am Sterbebette mehrerer Kinder, am Sterbebette seines geliebten Weibes nach langen Leiden. Einige Jahre darauf heirathete er die Schwester, Pauline, aber bald kränkelte auch diese, verbrachte viele Jahre im Krankenzimmer, so daß ihre Erhaltung nur als ein Wunder der Liebe und der Kunst betrachtet werden konnte, bis er auch sie zur letzten Ruhestätte geleitete. Seinen Lohn fand er hierfür in dem Glücke seiner beiden, ihm übrig gebliebenen Kinder, von denen der Sohn, dem leuchtenden Borbilde des Vaters folgend, rasch auf der ärztlichen Laufbahn zu einem ausgezeichneten Arzte sich ausbildete und als praktischer Arzt in Berlin wirksam ist, die Tochter glücklich in Berlin verheirathet lebt, und in seinen drei Enkeln. Ein ganz besonderer Lichtblick war es für ihn, als er am 22. März 1853 zu seinem 25jährigen Doctorjubiläum fast alle Glieder der Familie in seinem Hause versammelt sah, um ihrem geliebten und verehrten Haupte in einem glücklichen Familienfeste ihre Wünsche darzubringen. Trotz der, seine Kräfte in Anspruch nehmenden Praxis und trotz der Entlegenheit der altmärkischen Provinzialstadt bewahrte sich Ph. den Zusammenhang mit dem literarischen undCultur-Entwickelungsgange, mit dem Geistesleben der Zeit im vollen Maße, und er fand immer noch Mußestunden, in denen er sein großes Wissen, seinen scharfen Blick, seine reiche Phantasie und seinen edlen ästhetischen Geschmack literarisch bethätigte. Zwar auf dem Gebiete der Medicin verfaßte er nur noch einzelne treffliche Abhandlungen, z. B. 1864 „Ueber die Gesichtslagen des Kindes bei der Geburt und die Anwendung der Kopfzange bei denselben". Er trug sich wohl mit umfassenden Arbeiten aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen, fand aber nicht die Zeit und Ruhe, sie auszuführen, gewiß ein großer Verlust für die medicinische Wissenschaft und Kunst. Aber ein anderes Gebiet zog ihn mächtig an, weil es ihm aus dem Herzen stammte, und er einen nächsten Anhalt dafür in der Liebe zu seinem Bruder, dem Schreiber dieses, fand, ihn in seinen Bestrebungen für den Entwickelungsgang seiner Religion und Glaubensgenossenfchaft zu unterstützen. Schon als er noch in Magdeburg wohnte, lieferte er für das „Israelitische Predigt- und Schulmagazin" einen trefflichen Aufsatz „Die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal", einen historischen Gegenstand, der 1834 noch fast ganz unbearbeitet war. Kaum aber hatte die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" ihren Anfang genommen (1837), als er in ihr „Die Marannen", eine Novelle aus dem letzten Jahrzehend des 15. Jahrhunderts, in Nr. 2 zu veröffentlichen ansing, welche einen außerordentlichen Erfolg hatte. Sie ist seitdem noch drei Mal erschienen, in mehrere moderne und drei Mal in die hebräische Sprache übertragen worden. Sie bildet den Anfang der ganzen modernen jüdischen Belletristik, war also eine ganz neue und folgenreiche Erscheinung. Hieran reihten sich aber bald andere gewichtige Abhandlungen, wie die „Ideen zu einer Encyklopädie und Methodologie der jüdischen Theologie" in Nr. 20 des 1. Jahrgangs beginnend, dann die vielbelobte „Ueber die Landwirthschaft der Hebräer", von Nr. 1 des Beiblattes zum 2. Jahrgang der A. Z. d. I. anhebend, „Ueber die Erziehung der jüdischen Jugend", von Nr. 26 des 15. Jahrgangs (1851) an (die erste und dritte dieser Abhandlungen veröffentlichte er unter dem Namen Uri). Als ich die Herausgabe meines Bibelwerkes begann, übernahm er die Bearbeitung der Bücher Josua, Richter, Samuelis und Könige. Auch an dem Institute zur Förderung der israelitischen Literatur betheiligte er sich, und zwar zuerst durch seine umfangreiche „biographische No-