Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1870)
- Date
- 1870-04-26
- Page
- Seite 344 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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344 velle: Der unbekannte Rabbi" l1869), welche erst jüngst in New-Aork in englischer Sprache erschien, die Idylle „Veilchen - Jacob oder Glück- und Freudenwoche eines Hausirers" lim vierten Bande des Saron 1860), endlich durch die drei Hefte „Biographische Skizzen" (1864 und 1866), die Lebensbeschreibungen Moses Philippson's, Joseph Wolfs und Gotthold Salomon's umfassend. Für den Kenner dieser Werke brauche ich kein Wort über das reiche biblische und talmudische Wissen, das tiefe Seelen- und Gemüthsleben, die Fülle der Phantasie, den ästhetischen Geschmack, die vollendete edle Sprache, die in allen diesen Arbeiten zum Ausdruck kommen, hinzuzufügen. In den letzten Jahren trug er sich mit dem Gedanken zu einer, für ihn abschließenden belletristischen Arbeit: „Die drei Geschlechter", und es ist sehr zu beklagen, daß die gehäufte Praxis und die außerordentliche Schwäche feiner Augen ihn die Ausführung immer und immer wieder verschieben ließen. Ob er einen Plan und ein Fragment zurückgelassen, weiß ich noch nicht. Nach dem Tode seiner zweiten Frau war es der innige Wunsch der ganzen Familie, daß er, in seinem Wohnsitze allein stehend, die Praxis aufgeben nnd nach Bonn ziehen möge, da Berlin für ihn, der in der frischen Luft und auf dem freien Lande zu leben gewohnt war, kein angemessener Aufenthalt schien. Aber er konnte seiner, mit so glücklichen Erfolgen gekrönten Thatigkeit nicht entsagen. Seine Kinder waren versorgt, er besaß zur Genüge, um ruhig davon leben zu können — aber seinen leidenden Mitmenschen die gewünschte Hülfe zu bringen und seine ihm so theure Kunst in den gewohnten Kreisen auszuüben, hatte einen beherrschenden Reiz für ihn. Er schwankte und blieb wo er war. Zum 18. September 1869 machte er, der niemals über Berlin und Dresden hinausgekommen, sich mit seinen Kindern auf, um nach Bonn zur Feier meiner silbernen Hochzeit zu reisen. Bei dem Zustande seiner Augen und der Ungewohntheit des Reifens war ihm dies ein großes Opfer. Doch reiste er nach dem Wunsche seiner Kinder über Frankfurt a. Main, Mainz und den Rhein hinunter. Mit welcher Liebe und Verehrung er von allen Gliedern der Familie empfangen wurde, welche Liebenswürdigkeit er im Umgang, in Reden und Toasten, und am Schlüsse des Mahles im Recitiren des hebräischen Tischgebetes entfaltete, ich schweige vavon . . . Hier entschloß er sich, zum nächsten Frühjahr Klötze zu verlassen, und theils in Bonn, theils in Berlin zu verweilen, bis er sich für einen bleibenden Wohnsitz entschieden hätte. Als der Frühling kam, schwankte er abermals, aber er stand gewissermaßen vor der Entscheidung, denn — er brauchte neue Pferde, und mit dem Ankauf derselben würde er in Klötze verblieben sein. Nie hatte er sich kräftiger und gesünder gefühlt, nie hatte ihm, nach seinen eigenen Aussprüchen, die Praxis größere Befriedigung verschafft, und dennoch zog es ihn auch fort. Da traf die göttliche Vorsehung die Entscheidung für ihn. Freitag am 1. April fuhr er, vier Stunden weit, nach dem Dorfe Breitenfeld, um eine sehr schwierige Operation zu vollziehen. Er vollrachte sie glücklich. Er erhob sich aus seiner dabei gebeugten Stellung und sagte in seiner stets gutmüthigen Laune: „Seht. Euer Alter versteht es noch; ich werde nun ein Recept verschreiben, und dann wird Alles mit Gottes Hülfe gut werden." Dann setzte er sich, und tauchte die Feder in das Dintenfaß. Dann rief er: „Ach, ich . . .", klammerte sich an eine neben ihm stehende Frau und war verschieden ... Ueber all' den Schmerz, über all' die Trauer, die dieser plötzliche Tod über die Kinder und die ganze Familie, über seine Freunde und Mitbürger, über die Insassen des ganzen Kreises brachte, mag ick mich nicht auslassen. Sie thaten sich in stummer und um so beredterer Weise bei seinem Leichenbegängniß, Montag den 4. April, kund. Von allen Seiten des Kreises war die Bevölkerung herbeigeströmt, sämmtliche Notabilitäten erschienen, am Grabe sangen die Lehrer von sämmtlichen Ortschaften ein paffendes Lied und der Sohn sprach wenige tief ergreifende Worte der Klage, der Ergebung in den heiligen Willen Gottes und des Dankes für die außerordentliche Theilnahme. Die Provinzialblätter, besonders die Magdeburgische Zeitung brachten eine lange Reihe von Nachrufen, die Verehrung und Trauer aussprachen. Dies die Thatsachen. Aber was wiegen diese gegen den unmeßbaren Reichthum seines Wesens, gegen den edlen und großsinnigen Charakter, gegen sein inneres Leben. Einen bedeutenden Theil dessen, kann ich sagen, bildet sein Verhältniß zu mir von der frühesten Jugend an. Dies gehört seinem und meinem Leben zugleich an. Darüber zu sprechen ist mir heute nicht gegeben. Er ruht zwischen seinen vorangegangenen Theuren auf dem kleinen jüdischen Friedhof von Klötze; aber das geistige Auge aller Seinen wird immerfort an diesem Grabhügel hängen bis zum letztem Athemzuge ihres Lebens. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotzc.