Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1870)
- Date
- 1870-04-26
- Page
- Seite 342 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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342 zu erzählen, welches der Promovtrende seiner Dissertation hinzusügen muß. Er that dies mit Worten, welche dem zwanzigjährigen Jüngling (er promovirte am 22. März 1828, war also erst 20>/2 Jahre alt) dauernd zur Ehre gereichen. Er beginnt mit folgenden Worten: „Sed jam a me in publicum eonspectum producentlus esl caudidatus, cujus commendandi gratia hoc conimenlariolum scripsi. Est is Phoebus Mauritius Philippson Dessaviensis, quem cum amplissima significatione nuncupo, tum propter scientiae solidioris ambitum, tum ob judicii acumen, tum, et Maxime quidem, ob animi doles egregias, probitatem, verecundiain, candorem et pietatem.“ („Jetzt aber liegt es mir ob, den Candidaten in die Oessentlichkeit einzuführen, Len zu empfehlen ich diese Abhandlung geschrieben. Es ist dies PH. M. PH. aus Dessau, den ich mit der besondersten Auszeichnung nenne, sowohl wegen des Umfangs seines soliden Willens und der Schärfe seiner Urtheilskraft, als auch, und zwar vorzüglich, wegen der vortrefflichen Gaben der Seele, seiner Redlichkeit, Wahrheitsliebe, Reinheit und Frömmigkeit.") Ja, Sprengel beschenkte den jungen Doctor bei feinem Abschiede mit einem feinen Exemplar der eben beendeten dritten Auflage seiner großen Geschichte der Medicin <3 Bände). PH. begab sich nach Dessau, um sich dort als praktischer Arzt niederzulafsen. Das Publicum kam ihm mit einem ungewöhnlichen Vertrauen entgegen, wie es nur eine solche Persönlichkeit auch in jüngeren Jahren einzuflößen vermag, und man consultirte ihn in den bedeutendsten Familien, ehe er noch die Erlaubniß zu prakticiren erhalten hatte. Aber dies gerade erweckte die Ungunst der Standesgenofsen, welche besonders ihre Praxis bei der zahlreichen und wohlhabenden Judengemeinde bedroht glaubten. Man denke an die Kleinstaaterei und Kleinstädterei. Die Strenge der Staatsprüfung, der man ihn unterwarf, half nichts, er bestand sie vorzüglich und man mußte ihm dies attestiren. Doch das Medicinalcollegium wußte sich zu helfen, es schmiedete ein Gesetz und wandte es rückwirkend auf den vorliegenden Fall an: jeder jüngere Arzt müsse, ehe er prakticiren dürfe, ein Jahr gereist sein. Ob dies Gesetz in späterer Zeit wieder einmal in Anwendung gebracht worden, weiß ich nicht, aber unseren PH. trieb es aus der Heimath, und zwar unter sehr grausamen Verhältnissen. Als einige Jahre später die Choleraepidemie bei ihrem ersten Erscheinen alle Gemüther mit Schrecken und Furcht erfüllte, machte die Defsauer Regierung unserem PH. bedeutende Anerbietungen, wenn er nach Dessau gegen Uebernahme besonderer Pflichten beim etwaigen Eintritt der Epidemie übersiedeln wolle. Er wies es ab, denn er wollte nicht gerade in der Zeit der Gefahr das Land und die Stadt verlaffen, welche sich ihm bereitwillig geöffnet hatten, als das Baterländchen ihn von sich gestoßen. Dem Herzoge und der herzoglichen Familie, die sich gegen ihn und seine Familie stets edel erwiesen und die ihn bei seinem Studium großmüthig unterstützt hatten, bewahrte er dauernd die Dankbarkeit im Herzen. Er wandte sich Michaelis 1828 nach Berlin, um die preußischen Staatsprüfungen zu absolviren. Aber auch hier war ein großes Hinderniß zu überwinden. Das preußische Gesetz versagte dem ausländischen Juden die Erlaubniß, die preußischen Prüfungen zu machen, oder es mußte ein Revers unterschrieben werden, daß aus der Ablegung dieser Prüfungen kein Anrecht der Niederlassung in Preußen erfließe. Hier mußte wieder der alte Sprengel helfen. Der bei dem Könige und dem Minister Allenstein hochangesehene Mann, der in seinem humanen Sinne eine solche Beschränkung gar nicht begreifen konnte, wandte sich sofort an den Minister und mit solchem Erfolge, daß unserem Ph. alsbald das preußische Staatsbürgerrecht zugefertigt wurde. Das war damals eine Errungenschaft, welche nicht durch Tausende von Thalern erkauft werden konnte. Nach Ostern 1829 hatte er die Staatsprüfungen glücklich zurückgelegt und einer Einladung von Verwandten folgend, ging er nach Magdeburg und ließ sich hier als praktischer Arzt nieder. Es versteht sich von selbst, daß einem fast gänzlich fremden jungen Manne, noch dazu, da die jüdische Gemeinde dort damals noch klein an Umfang war, und nach der damaligen Zeitrichtung die reicheren Juden einen jüdischen Arzt am wenigsten annahmen, da der betitelte christliche Arzt ein Glanzpunkt des Hauses sein mußte, die Praxis sich nur langsam mehren konnte, und verhältnißmäßig wuchs sie für unseren PH. in günstiger Weise an. Damals auch begann er seine literarische Thätigkeit auf medicinischem Gebiete. Die furchtbare Epidemie, damals gewöhnlich Cholera morbus betitelt, nahte sich den Grenzen des deutschen Vaterlandes. PH. verfaßte nach den bereits reichlich fließenden Quellen über jene eine Schrift, welche sich durch Klarheit und kritische Zusammenstellung der bisherigen Erfahrungen, Diagnosen und Heilverfahren auszeichnete, so daß binnen zweier Monate zwei starke Auflagen vergriffen wurden. Dann die, von der ärztlichen Wissenschaft sehr anerkannte Schrift „Die Sommerkrankheiten von 1831", in welcher ein lichtvolles Bild der die Choleraepidemie begleitenden Krankheitserscheinungen und das Verhältniß dieser zu jener, besonders auch in statistischer Beziehung, gegeben wurde. Eine „Propädeutik und Encyklopädie der Medicin", namentlich für Gymnasiasten bestimmt, die sich zum Studium der Medicin vorbereiten wollten, folgte. Ferner „Podalirius", zwanglose Hefte für die Geschichte der Medicin, und „Hygiea", eine populär medicinische Monatsschrift zur Beförderung der Gesundheitspflge im Volke; beide Zeitschriften von gediegenem Inhalt, behandelten Themata, für welche die Zeit damals noch nicht reif war, und fanden deshalb zwar Anerkennung, aber keine Verbreitung und hiermit keine Lebensdauer. Unterdeß hatte er sich mit seiner Cousine, Sarah geb. Gottschalk, verheirathet, und bereits beglückten zwei liebliche Kinder sein für Familienglück so warm schlagendes Herz. Dadurch wuchsen aber die Bedürfnisse des standesgemäß zu führenden Hauses etwas schneller, als