Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1870)
- Date
- 1870-04-26
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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326 sich der Mühe unterzogen hat, durch eine verhaltnißmäßig leichte Ueberarbeitung diesen Mängeln einigermaßen abzuhelfen. Jndeß wenn wir diese Uebelstände übersehen wollen, werden wir doch aus der langen Reihe dieser Essays viele Belehrung, manche ganz überraschenden Aufschlüsse ziehen. Freilich — Sie erlauben mir wohl, die part du diable gleich zu erledigen und alle die Einwürfe vorzubringen, die ich auf dem Herzen habe — freilich dürfen wir Max Müller gegenüber die kühle Besonnenheit des Urtheils keinen Augenblick aufgeben. Wenn wir dem gelehrten Manne die wissenschaftliche Thatsache, die er bringt, meistens auf's Wort glauben können, so müssen wir dagegen bei seinen Schlußfolgerungen und allgemeinen Theorien sehr auf der Hut sein, denn da reißt ihn fein Enthusiasmus häufig mit fort und in der Freude über die glänzenden Gebäude, die er in Gedanken vor sich entstehen sieht, vergißt er oft zu prüfen, ob der Boden hinreichend fest sei, auf den er sie begründen will. Aber selbst mit allen diesen Bedingungen und Einschränkungen ist die Lectüre der Essays immerhin sehr lehrreich und von großem Nutzen, besonders natürlich für einen Laien, wie Ref. ist, der höchstens mit einigen empirischen Dorkenntniffen an die Sache herantritt. Weder ist diese Zeitung dazu bestimmt, noch fühle ich mich berufen, die linguistischen Resultate zu prüfen, die Prof. Müller in feinem neuesten Werke niedergelegt hat. Es kann uns nur auf die religiösen Elemente ankommen, die von der modernen Sprachwissenschaft aus den heiligen Büchern der verschiedenen Völkern zu Tage gefördert worden sind. Der ganze erste Band der Müller'schen Essays liefert „Beiträge zur vergleichenden Religionswissenschaft," und diesen ersten Band wollen wir deshalb hier ausschließlich betrachten und besprechen. Den Standpunkt des Verfassers, das Ergebniß, das er aus seinen eigenen und fremden Untersuchungen gewonnen hat, finden wir in der Vorrede ausgesprochen, und wir wollen hier seine Worte anführen, da sie einestheils überhaupt wichtig sind, anderentheils das Thema bilden, zu dem alle folgenden Aussätze nur die Erläuterung und Begründung geben. Er sagt (p. VIII der deutschen Uebers.): „So weit wir die Geschichte zurückverfolgen können, finden wir die Urbestandtheile und Wurzeln aller Religion gegeben; und die Geschichte der Religion, wie die Geschichte der Sprache, zeigt uns überall nur neue Verbindungen und Mischungen derselben ursprünglichen Elemente. Ein Schauen des Göttlichen im Menschlichen, ein Gefühl menschlicher Schwäche und Abhängigkeit, ein Glaube an eine göttliche Weltregierung, eine Erkenntniß des Guten und Bösen und eine Hoffnung auf ein höheres und besseres Leben, das sind einige der ursprünglichen Elemente aller Religionen. Obgleich oft bedeckt und verhüllt, kommen sie doch stets wieder zum Vorschein, und hätten sie nicht zur hochzeitlichen Ausstattung der menschlichen Seele auf Erden gehört, so würden wir nie von Religion gehört haben, und selbst Engelzungen würden den Ohren des Menschen nur wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle geklungen haben." Dies ist es, was Müller in seinem Buche Nachweisen will. Die Materialien zu einer solchen Argumentation haben sich seit der jüngsten Zeit sehr vermehrt, indem es gelungen ist, die Kenntniß der kanonischen Bücher von drei der Hauptreligionen der alten Welt wieder zu erlangen, des indischen Veda, des parsischen Zendavesta und des buddhistischen Tripithaka, abgesehen davon, daß auch die Religionen der anderen Völker genaueren kritisch linguistischen und historischen Untersuchungen unterzogen worden sind. Mit Recht weist Prof. Müller diejenigen zurück, die aus verdächtiger Besorgniß für die Festigkeit ihrer eigenen Religion vergleichende Kenntnißnahme fremder Glaubenssysteme ängstlich zu vermeiden wünschen. Er wahrt solchen Leuten gegenüber das Recht der freien Forschung; ja er hofft sogar, daß die Religionswissenschaft, wenn sie erst ausgearbeitet fei, im Stande sein werde, „dem alternden Christenthum neues Leben einzuhauchen." Das beständige Coquettiren mit dem Christenthum, das englische Gewohnheit dem deutschen Gelehrten auferlegt, lassen wir selbstverständlich unberücksichtigt und halten uns nur an die Schlußfolgerungen, die der Verfoben ausgesprochen hatte. Um zu sehen, wie er sie zu begründen gedenkt, wenden wir uns am besten zu einem bestimmten Essay, dem letzten des ersten Bandes. Er trägt den Titel: „Der semitische Monotheismus." Natürlich schließen wir daran Bemerkungen auch aus anderen Theilen des Werkes. Der Aussatz wendet sich zuerst in schärfster Weise gegen die berüchtigte Idee Renan's von dem monotheistischen Jnstinct der semitischen Race, während den Jndogermanen ein pantheistischer Jnstinct eigen sei. Mit Recht weist Müller darauf hin, daß unter allen semitischen Stämmen nur Juden und Araber monotheistische Systeme erzeugt hätten, während die übrigen Völkerschaften dieser Familie dem schlimmsten Götzendienste