Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-19 · Heft 16 (19.4.1870) · p. Seite 323

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 16 (19.4.1870)
Date
1870-04-19
Page
Seite 323 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226761--28293-3302111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

323 » » t Jsaacs und der Rebekka , welche sich an die zwei südlichen Pfeiler der ehemaligen Kirche anlehnen, die durch vier dieser gewaltigen Pfeiler in drei Schiffe abgetheilt ist, aber keine Apsis hat. Der Spitzbogenstyl, in den jetzt die Schiffe auslaufen, gehört der spatern Zeit der Kreuzfahrer an. Das Mittelschiff ist bedeutend höher. Der untere Theil der Pfeiler ist von kleinen Säulchen umgeben mit korinthischen Capitälchen. Ein Meisterstück der Holzschnitzkunst ist die Kanzel und die Balustrade der Treppe, die zu ihr hinauf führt, deren Verzierung ganz aus geschnörkelter arabischer Schrift besteht. „Was nun die Gräber oder Kenotaphe selbst betrifft, so ist jedes in einer Art Kapelle; die Kapellchen zur Rechten innerhalb und außerhalb der Moschee enthalten die Grabmaler der männlichen, die zur Linken die der weiblichen Todten. Ich nehme dabei an, daß man das rechts und links mit dem Gesichte gegen Süden gewendet bestimmt. Jedes Kenotaph steht über jener Stelle der Höhle, die das eigentliche Grab jedes der Todten enthAt. — Bei dieser Feststellung war natürlich die Willkuhr der Tradition thätig. — lieber die Kenotaphe sind kostbare goldgestickte Decken ausgebreitet, welche der jeweilige Sultan zu schicken pflegt. Gitter verhüten zu große Annäherung. Die Decken über Abrahams Grab waren, glaube ick, grün, und die Thüren an seinem und der Sara Grabe silberbeschlagen. Am Grabe der Lea waren zwei grüne Fahnen, die von Mohammed selbst herrühren sollen. Ich vergaß zu fragen, warum der Lea diese Auszeichnung zu Theil wurde. Indessen, so gewiß die Fahnen nicht von Mohammed kamen, so gewiß hätte auch die Antwort in Bezug auf Lea's Bevorzugung nicht auf streng historischem Boden gestanden. Einem allzu neugierigen Europäer werden oft seltsame Antworten gegeben aus lauter Gefälligkeit. Ich sah, daß der alte gesprächige Scheich, der mir sogleich sein Vertrauen schenkte, d.h. mich überzeugen wollte, daß er mir es schenkte, im Zuge war, alle mögliche Gefälligkeit dem Kronprinzen zu erweisen, bis er auf einmal anhielt, aber doch so anhielt, daß man glauben konnte, er würde auch die letzte und größte Gefälligkeit doch noch durch die Aussicht auf eine glänzende Gegengefälligkeit sich ablocken lassen. Es handelte sich um das Aufschließen der Doppelhöhle selbst, denn die Kenotaphe mit all ihrer Pracht waren eben doch ein leeres Gepränge. Mir schien der Pascha viel zu lau oder furchtsam, während der Scheikh und die Efendi's, obwohl sie betheuerten, daß der Zugang vermauert wäre, bei gewissem Zureden sich die Ohren nicht verstopften. Aber das größte Hinderniß war wieder die Zeit. Der Kronprinz mußte noch heute den Rückweg antreten und nur die Nacht würde dem Scheich wahrscheinlich den Much gegeben haben, dem ungläubigen Köuigssohne, der Allen augenscheinlich gar wohl gefiel, doch auch noch den Eintritt in das Heiligste zu gestatten. Aber etwas von dieser geheimnißvollen unterirdischen Gruft sollte' der Kronprinz dennoch sehen. Der Scheich führte ihn zu einer Ecke an der Nordseite des westlichen Schiffegerade hinter Abrahams Kapelle. Hier war ein paar Fuß über der Bodenfläche eine Oeffnung, die einer engen Cisternenmündung glich. Während der Kronprinz noch mit Jemandem sprach, blickte sein Secretar durch die Oeffnung in die durch eine Lampe erhellte Tiefe hinab. Die Lampe, welche etwa bis zur Hälfte der Höhe über dem Boden unten schwebte, beleuchtete diesen hell, und der Secretär erklärte, die Höhle unten müßte einen Mosaikboden haben. Nun steckte der Kronprinz den Kopf in die Oeffnung und sagte dann, von Mosaik könne er nichts entdecken, wohl aber scheine ihm der Boden mit Papieren bedeckt zu sein, worauf er den Schreiber dieses aufforderte, ebenfalls hinabzuschauen. Das scharfe Auge des Kronprinzen hatte richtig gesehen. Nach langem Schauen — die Lampe in dem dunkeln Raume blendete anfangs, sah ich Papiere über den Boden ausgebreitet, zwischen denen der dunkle natürliche Boden der Höhle allerlei Figuren bildete. Ich ftagte nun auch den Scheikh, der erklärte, die Papiere wären Petitionen, welche die Gläubigen da dem Vater Abraham hinabwürfen, um ihm ihre Anliegen kundzugeben und deren Erfüllung von ihm zu erlangen. Also Heiligenintercession in optima forma. Der Kronprinz hatte an der Seitenwand unten auch etwas wie eine Oeffnung entdeckt. Dieses wurde als Fenster oder Luftloch erklärt. Der Boden der Höhle schien nicht sehr tief unter dem Boden der Kirche oder seiner Felsdecke zu liegen. Mir schien die Höhe höchstens zehn Fuß zu betragen. Dieser Theil der Höhle stieß denn unmittelbar an Abrahams Grab an, wie die Papiermosaik anzeigte. Ob auch an den anderen Gräbern Petitionen durch ähnliche Oeffnungen eingereicht werden, vergaß ich zu fragen. Vielleicht thun das die Frauen bei der Sara. Der Scheikh, dem sich der Kronprinz auch noch als den Schwager des Sohnes der Königin der Jnglls vorstellte, führte ihn dann noch zu dem sogenannten Grabe Josephs. Der Eingang zu demselben befindet sich in der Haramsmauer, westlich von Abrahams Grab — um sich zu orientiren, muß man sich immer das Mihrab vergegenwäreigen —; aber da hört alles Interesse auf; denn zu Josephs Grab bei Sichem (Jos. 24, 32) sah ich selbst Mohammedaner mit dem Glauben kommen, daß er da begraben. Rachels Grab ist zu nahe, sonst hätte es der Haräm zu Hebron vielleicht auch absorbirt. — Joseph in Hebron, Elias im Kloster Mar Elias! Analogien." „Beim Hinausgehen zeigte man dem Kronprinzen noch eine Oeffnung in derselben, durch welche es den Juden gestattet ist, den Felsen der Gräberhöhle zu berühren und hindurch zu beten, wie an den Löchern der Mauern des Klageplatzes zu Jerusalem. Die oft beschriebene Mauer hier noch einmal zu beschreiben, kann ich füglich unterlassen. Sie ist das besterhaltene Ueberbleibsel altjüdischer Bauart und verdankt das sicherlich dem Umstände, daß in Bezug auf Abraham Jude, Christ und Mvslim nicht in Glaubensstreit gerathen konnten." «

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.