Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1870)
- Date
- 1870-04-19
- Page
- Seite 312 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Todes als Leidtragende der Wissenschaft und des Freundeskreises unterzeichnet." — Or. Jaffs war 1819 in Schwersenz geboren. Als die Kunde vor ungefähr zwei Jahren sich verbreitete, daß Jaffe zur protestantischen Kirche übergegangen, erschien diese Handlung wie ein psychologisches Räthsel. Wer so lange treu in seiner Religion gegen die Intoleranz gekämpft und die schwersten Entbehrungen — denn dazu gehört doch wohl die Nichterfüllung seines Lebensberufes — getragen , von dem darf man nicht behaupten, daß er um eines äußeren Vortheils willen seine Religion verließ. Derselbe begeht eine solche Jnconsequenz, schlägt seinem ganzen früheren Leben so geradezu ins Gesicht, daß blos von äußeren Motiven nicht die Rede sein kann. Wir können es daher dem Berichterstatter nicht verargen, wenn er sagt, daß Jaffe „aus Ueberzeugung" übergetreten. Aber welche Ironie begegnet dem Referenten der K. Z., daß er hinzufügen muß, cs bekundete sich bei Jaffe allmälig fortschreitende Geisteszerrüttung, welche schließlich zum Selbstmorde führte. Das psychologische Räthsel ist gelöst, und der Berichterstatter wird es nunmehr uns nicht verargen, wenn wir bei Jaffas „Uebertritt aus Ueberzeugung" die begonnene Geisleszerrüttung voraussetzen. Ja, wir können noch mehr sagen. In seinem väterlichen Glauben fand er über fünfzig Jahre die Kraft, einen schweren Kampf zu kämpfen und in einem zweimaligen Studium schöne Siege zu erreichen; sein neuer Glaube schützte ihn nach zwei Jahren selbst nicht vor dem Selbstmorde. Wir stehen an diesem Grabe mit tiefem Bedauern, daß ein so ausgezeichneter Forscher, ein der Wissenschaft so ganz hingcgebenes Leben so enden mußte, zuerst in einem Abfall von seiner Religion, alsdann in einem Selbstmorde, beides in der Verdunkelung seines Geistes. Welche Kämpfe, welche Wirrsale müssen in der Seele dieses Mannes vor sich gegangen sein! Die göttliche Barmherzigkeit wird diesen Geist aus seiner Nacht, aus allen seinen irdischen Wirren heraus lösen! — Jaffe war Junggeselle. Außer den schon erwähnten päpstlichen Regesten ist besonders seine Geschichte Lothars des Sachsen und Konrads III. berühmt, und hat er einen vieljährigen Antheil an der Herausgabe der Monumente deutscher Geschichte von Pertz gehabt, auch vor einigen Jahren eine selbstständige Ausgabe solcher Monumente gegründet. Berlin, im April. (Privatmitth.) In diesen Tagen hat die hiesige Gemeinde eines ihrer chrenwerthesten und geachtetsten Mitglieder verloren. M. S. Baswitz ist am 4. d. plötzlich gestorben. Die Berliner Gemeinde ist, wie allgemein bekannt, reich an intelligenten Männern, ja an Capacitäten aller Art auf den verschiedenen Gebieten menschlichen Wirkens und Schaffens, in Wissenschaft und Kunst, sowie in den praktischen Gebieten des socialen Lebens. Aber unter den vielen so hervorzuhebenden Männern ist — vielleicht mit Ausnahme des sel. Moritz Veit — Keiner zu nennen, der innerhalb der Gemeinde wegen seines weitverzweigten gemeinnützigen Wirkens zum Wohl Anderer sich einer so allgemeinen Achtung und Anerkennung zu erfreuen gehabt hätte als M. S. Baswitz. Ein Mann von Hellem klarem Verstände, großer Intelligenz, tüchtigem praktischen Sinne, reicher Erfahrung, von offenem theilnehmenden Herzen für alles Gemeinnützige und Zweckmäßige, von unermüdlicher Arbeitsfähigkeit, dabei ohne Ostentatton still und geräuschlos wirksam und thätig nach außerordentlich vielen Seiten hin, auch in Rücksicht auf seine reichlich angewendete Wohlthätigkeitsübung; zudem äußerlich und innerlich unabhängig situirt und gesinnt von und zu den verschiedenen Richtungen, Parteiungen und Schichten auf religiösem, politischem und socialem Gebiete und daher frei wie von jedem ausgeprägten Parteistandpunkte so auch von jeder hemmenden Rücksichtsverpflich« tung auf größere Umstände, war er wie selten Einer geeignet und dabei geneigt, seine vielfachen Kräfte in den Dienst der Gemeinsamkeit zu stellen, und die Gemeinde, — die engere wie die weitere —, die Vereine wie die Anstalten aller Art, Corporattonen wie Einzelne, machten von seiner Kraft wie von seiner Bereitwilligkeit zu gemeinnütziger Verwendung derselben den weitesten Gebrauch. Daher giebt es hier wenige Verwaltungen und Jnsütute, bei denen der Verstorbene nicht in den Vorstand und in die Verwaltung als hervorragendes und einflußreiches Mitglied hineingezogen worden wäre. Von den ungemein vielen Ehrenämtern, die er so inne gehabt, will ich hier nur einige anführen, um seine weit verzweigte Wirksamkeit zu charaktcrisiren. Er war „Aeltester" der Kaufmannschaft wie der Judenschaft, leitendes Vorstandsmitglied des jüdischen Krankenhauses, der Alterversorgungs'Anstalt und vieler andrer der so zahlreichen wohlthättgen Institute und Vereine innerhalb wie außerhalb der jüdischen Gemeinde. Er saß