Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1870)
- Date
- 1870-04-19
- Page
- Seite 309 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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309 über die Minhagim (neuestens von S. Geiger), theils in deutschen Forschungen, zumal zu praktischen Zwecken, das meiste Material gesammelt und verarbeitet; auch wurden gerade in unserer Zeit die ältesten Gebetsammlungen von Amram und Saadja-Gaon, das Machsor Vitry aufgefunden — um so arger ist es um die sprachliche Seite bestellt, die seit den Siddur - Ausgaben von Satnow, Bensew und Heidenheim (ausgenommen etwa Landshuth's 2b 7vsr0 nicht mehr unter die Hände tüchtiger und gewissenhafter Sprachkenner kam, sondern ganz und gar dem Schicksal der Drucker anheim gegeben, immer mehr vernachlässigt wurde. S. Zunz, d. Ritus 174 ff. Herr S. Baer in Biberach hat den abgebrochenen Faden dieser Erscheinungen wieder ausgenommen und die Ergebnisse der grammatischen Untersuchung und Textkritik unserer Gebete, mit der er sich aufs gewissenhafteste langjährig beschäftigte, in einer großen Siddur- Ausgabe: Abodath Jisrael*) niedergelegt — und dadurch in anerkennenswerther Weise die Beschuldigung, die wir jüngsthin in diesen Blättern (Nr. 7) gegen die v"2"n - Literatur erhoben, entkräftet. Man muß das sprachkritische Gewissen Baers besitzen, um mit einer ins Mikrologische gehenden Genauigkeit die Purification der liturgischen Texte, deren sprachlich gebotene Punctation und daraus folgende Erklärung vollständig durchzuführen, wie dies Meister Baer in seinem gediegenem Commentar ■jTd? po;, „der Richtigsteller der Sprache" zu dieser Prachtausgabe gethan. Baer hat die Vernachlässigung des Studiums der Maßora und der hebr. Grammatik bei den heutigen Juden durch ein Jgnoriren seiner Verdienste zu büßen, und er, in seiner hebr. Sprachkenntniß der Erbe Heidenheims, „des Lachmanns der Bibel," (Delitzsch? in der Augsb. Allg. Ztg.) unstreitig nach Frensdorfs der größte Maßora-Kenner, muß sich mit der Anerkennung und Verehrung begnügen, die ihm von nichtjüdischer Seite zu Theil wird, wie denn auch monographische und specielle Untersuchungen von ihm in nichtjüdischen Blätter (Guericke - Delitzsch, Zeitschrift f. Theolog. Merx Archiv) erschienen. Sein Buch über die Accente der poetischen Bücher, rras mir, ist die beste Behandlung dieser schwierigen Partie der Accentuologie und in seinen Editionen biblischer Bücher *) brr-,«'' rinrn? ins. I. Lehrberger u. Comp. Rödelheim, 1868. (Kl.-Fol. XX., 864 und Psalter: 86 SS.) zeigt er, was correcte Accentuation für die Textkritik für Werth hat. Der uns vorliegende große, prachtvoll ausgestattete Siddur verfolgt nun einen zwiefachen Zweck: einen praktischen und einen wissenschaftlichen. Um des ersteren Willen ist in Bezug auf das aufgenommene Material fast alles geleistet worden, was von einem „Schul-Siddur" von der orthodoxesten Gemeinde verlangt werden kann. Weiter sind alle betreffenden Gegenstände der Ritualbestimmung übersichtlich zusammengestellt, allerdings nicht ohne daß der eigentliche Ursprung des “p*: oder an:« dabei vermerkt wäre, was außer dem praktischen, auch seinen wissenschaftlichen (ritualgeschichtlichen) Werth hat. Diesen letzteren aber repräsentirt der ausführliche Commentar yra's p2-, welcher das Sprachliche wie das Sachliche, Altes und Neues sichtend und prüfend zusammenträgt, bespricht und ausführt. In der Vorrede gibt der Verfasser über den kritischen Apparat, den er benutzte, genaue Rechenschaft: es lagen ihm vor 8 Handschriften, eine Anzahl von Collationen anderer HSS., die ältesten Ausgaben der täglichen und Festgebete nach den verschiedensten Riten und mit den vorzüglichsten Commentaren (31 Nrn.), Randbemerkungen zu S. Hanau's Siddur und anderweitige Notizen von Heidenheim; überdies erhielt er einschlägige Bemerkungen von Zunz, weil. Rabb. S. Klein in Kolmar u. A. Worauf wir besonders Gewicht legen, das ist die sprachgeschichtliche Erforschung der Ausdrucksformen und der Phraseologie bis auf die frühesten Spuren, weil wir da die lebenskräftige Fortentwickelung des Hebräischen bis in die Zeit der Gebetabfassung hinunter am besten verfolgen können, das was die Prägung, der Typus des Gebetes und der Eulogie (rrbsji dw 2222, c-na n2-i2) von den Alten genannt wird. Die Sprache der synagogalen Poesie hat bei Rapoport, Zunz, Luzzatto, Sachs und Dukes ihre gebührende Beachtung gefunden, dahingegen kennen wir den Ursprung des sprachlichen Ausdruckes der ältesten Gebetstücke noch nicht, und gerade da ist der Nachweis des Ursprungs eines typischen Ausdruckes, einer Wortbildung, einer Phrase von großer Bedeutung. — So z. B. der substantivische Gebrauch des w-'urrria not? im -iänts “71*12 in der Bedeutung Erschaffer der „Welt," des „Im Anfang's", stammt aus der Mischna Berachoth IX. 1. (wofür nicht rra?« rrair rroxi2 zn stehen hat, s. Rabbinowicz z. St.) Ebenso findet sich die Bezeichnung 2*'2'22'2 i:^2x, die im N. T. durchweg gebraucht wird, in der Mischna Sota IX, 15.