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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-19 · Heft 16 (19.4.1870) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 16 (19.4.1870)
Date
1870-04-19
Page
Seite 308 (sequence 4)
Language
German
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308 Jahre, obschon die Mitglieder dieser Gemeinden an die- Lrtlichen Hauptgemeinden ihre vollen Beitrage zahlen mußten. Ja, nach einem sehr natürlichen Gemüthshange würde in vielen Personen der Drang, die Religionsgemeinde zu erhalten, um so lebendiger werden. Dies Alles will auch ich nicht gesagt haben, um zu Anträgen auf Hebung der bestehenden Gesetze über die jüdischen Gemeinden aufzumuntern oder gar anzuregen. Man muß nicht experimentiren, so lange man es vermeiden kann, und die plötzliche Veränderung findet nicht sofort die angemessenen Kräfte und Stimmungen, um neu zu begründen und zu befestigen. Meine Absicht ist nur, einerseits die Ueberzeugung verbreiten zu helfen, daß die völlige Glaubensfteiheit keine Feindin der jüdischen Gemeinden, ihrer Existenz und Wirksamkeit ist; andererseits dennoch die Gemüther auf ein solches Ereigniß mit vvrzubereiten, und in den Ländern, wo bereits die bisherige Gemeindeverfasfung in Frage gestellt ist, zu rascher und thatkräftiger Entschließung, zu fester und energischer Handlung aufzumuntern. An das Bestehende knüpfe man an, sammle Alle, die sich um dasselbe schaaren wollen, und diejenigen, welche sich hierzu nicht entschließen wollen, überlasse man ihrem eigenen Willen und der Zeit. Sind unvereinbare Elemente vorhanden, so mögen sie sich in den Punkten, in welchen sie auseinandergehen, sich zeitweise trennen, aber in allen anderen ein gemeinsames Band erhalten. Möge hierfür das richtige Lerständniß sich überall da, wo es Noch thut, einfinden'. Der, bloße Hader bringt Nichts zu Wege, sondern zerstört nur. Der Mißmuth, der davon die Folge ist, giebt leicht das Gemeinwohl auf und zieht sich wie die Schnecke ins eigene Haus zurück. Dies darf nicht sein, sondern eine echte Schaffenslust muß da eintreten, wo die Freiheit das Bestehende mit Auflösung bedroht, aber andrerseits den freien Raum zum Schaffen bietet. Wir dürfen allerdings bei solchen Betrachtungen die wirkliche Beschaffenheit der Dinge nicht übersehen. Glücklich sind die Gemeinden, welche feit Jahrzehenden einem gemäßigten Fortschritt, einer wenn auch langsamen, doch merklichen Entwickelung huldigten, und so im Stande waren, die auseinandergehenden Wünsche in mäßiger Weise zu beftiedigeu und zusammenzuhalten. Aber sehen wir eine große Zahl Gemeinden an, die unter der Herrschaft des Beitragszwanges stehen, so ist das Schauspiel, das sie uns bieten, durchaus nicht erfreulich, nicht im Geringsten religiös. Eine Partei unterdrückt alle anderen, und legt diesen ihre Dictatur auf. Die anderen lasten es sich gefallen und halten sich zurückgezogen, oder es entsteht Zwiespalt, Wahlkampf, beständiger Hader vor der Regierung. Die Gemeindeanstalten verfallen und verkümmern unter diesen Einflüsten, und Niemand hat eine rechte Freude an dem Gemeindeleben, außer den Intriganten, die ihr Spiel treiben. Daß das wahrhafte religiöse Leben, daß die Entfaltung des inneren religiösen Geistes hier nicht zur Blüthe kommt, sondern immer mehr verschwindet, ist offenbar. Ueberfchaut man die Streitigkeiten und Reibungen, so sieht man, daß es sich wenig um die Sache, zumeist um Personen handelt; man gewahrt trotz des hitzigen Kampfes auf der einen Seite ein Leben ohne Glauben, auf der anderen ein Glauben ohne Leben. Diese Früchte der bisherigen Zustände sind nicht sehr anlockend, und scheinen mehr für ein freieres Gemeindeleben zu sprechen. Wenn nur das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Bewußtsein gemeinsamer Jnteresten bleibt, und 'so Gott will! sich stärkt, so braucht man für die Zukunft keine Besorgniß zu haben. Literarischer Wochenbericht. (Auch etwas zur Gebetbuchsfrage.) Gr. Becskerek, im Marz. Je mehr man in jüngster Zeit daran geht an unserer theils rein biblischen, theils aus der Restaurationsperivde des Judenthums zur Zeit des zweiten Tempels stammenden, dahingegen bis in die letzten Jahrhunderte lavinenartig angewachsenen Liturgie Veränderungen, Weglastungen und Ausscheidungen vorzunehmen, um so mehr ist es ein immer fühlbareres Bedürfniß, über das Vorhandene selber sich die gewissenhafteste Rechenschaft zu geben und zwar 1) über Alter und Ursprung der einzelnen Gebetstücke, 2) über deren originale und sprachlich richtige Textgestalt. Was die literaturgeschichtliche Seite betrifft, so könnte man über Vernachlässigung derselben nicht gerade klagen: es sind, auch abgesehen von den bahnbrechenden Werken eines Rapoport und Zunz, in letzter Zeit mehrere einschlägige Untersuchungen erschienen, die vieles Dunkle und weniger Bekannte klar stellten; auch was die liturgisch-geschichtliche Frage angeht, wurde theils in den hebr. Schriften

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