Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1870)
- Date
- 1870-04-19
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226761--28277-3302095- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
307 doch eitt Aeugniß für die unwandelbaren Gesetze der göttlichen Vorsehung. Aber auch noch in anderer Beziehung, in religiöser, enthalt das Peßach ein Vorbild für uns und alle Zeit. Es war dort am Vorabend des Auszuges, wo die Religion ihre Weihe an den Israeliten vollzog. Nicht in einen glanzenden Tempel zogen sie zu diesem Zwecke, und nicht Opfer verbrannten sie auf dem Altar aus Steinen und Erz. Jedes Haus, jede Familie wurde zum Heiligthum Gottes geweiht; jeder Familienvater und jedes Glied der Familie, Mann und Weib, Greis und Kind, waren Priester, hatten am Priesterthum des einzigen Gottes ihren Antheil; das Lamm wurde als Weiheopfer geschlachtet, aber zubereitet und von allen Mitgliedern der Familie verspeist, und sein Blut an die Pfosten und Schwellen des Hauses als Weihezeichen gesprengt. Dies war die wahre Idee des Mosaismus, der religiöse Kerngedanke, der Fundamentalsatz der israelitischen Religion. Und auch den Gedanken finden wir hier wieder, daß die Familie das Bleibende, das Ewige in der 'l'i enschheit ist, bleibend und sich immer wieder gebärend, ob die Völker untergehen und die Staaten zertrümmert werden. Aber die Einzelnen im Schooße der Familie sollen, den Stab in der Hand, die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füßen, das Mahl verzehren, denn ihrer ist die Pilgerschaft, und sie gehen dahin, bevor sie die Grenze des gelobten Landes erreichten. Welche Schicksale und Wandelungen auch das Judenthum auf seinem großen Entwickelungsgange durch die Jahrtausende zu bestehen hatte, jener einzige Grundgedanke, den das Peßach vorbedeutete, ist immer geblieben, ist noch heute unser Anker, noch heute das Fundament, auf das wir unser religiöses und sittliches Leben bauen. Dies, meine Leser, wollen wir denen antworten, welche spöttisch lächelnd und die Achseln zuckend fragen: ob wir niemals aufhören werden, den Auszug aus Aegypten und den Untergang Pharao's zu feiern, und sogar in unserer Zeit? Ja, wir wollen und werden es feiern, zu unserem und Vieler Heile, aber wir feiern es mit Berstandniß und voll Jubels über die großen, Heil bringenden Gedanken, die dieses Peßach uns verkündet und in unserem Bewußtsein lebendig erhält. Von -er Leim. Im April. Die jüdischen Gemeinden. Sie haben, Herr Redacteur, Vielen eine Befriedigung bereitet, indem Sie die Correspondenz aus Baltimore in Nr. 13 veranlagten und veröfientlichten. Das Bild, das uns in ihr über das Entstehen und den Fortbestand der Gemeinden in Nordamerika aufgerollt wird, ist sehr erfreulich. Daß in den Einwanderern das religiöse Bedürfniß sich gewisiermaßen zu einem vaterländischen Gefühle gestaltet und in der Gemeinde innerhalb der großen fremden und bewegungsvollen Welt das Individuum einen Anhalt, einen genofienschaftlichen Stützpunkt findet, find sehr verständliche Motive. Aber auch in den europäischen Staaten braucht man führwahr keinerlei Besorgniß für die Fortexistenz der Gemeinden zu hegen, wenn von Staatsfeiten die Beitragspflichtigkeit aufgehoben werden sollte. In der überwiegenden Mehrzahl der Juden ist das religiöse Bedürfniß noch so weit lebendig, um sie der gemeindlichen Institute nicht entbehren lassen zu können, und nur wenige Individuen werden um einer kleinen Summe willen die ganze religiöse Existenz aufgeben wollen. Und sind deren wirklich an einem Orte, so sehen wir den Schaden nicht ein, da die Gemeinden bestehen müßten und könnten, wenn jene zufällig nicht an diesem Platze wohnten. Bei äußerst kleinen Gemeinden kommt es wohl auf einige Personen mehr oder weniger an. Aber schon bei etwa 10 oder 20 Familien ist es gleichgülrig, ob sich zwei oder drei der Genossenschaft entziehen oder nicht. Sollten in mittleren und größeren Gemeinden sich dann nach der verschiedenen Richtung der Individuen zwei oder mehrere Betstätten neben einander bilden, so würden sicherlich alle übrigen gemeinsamen Institute darunter nicht leiden, sondern die nöthigen Kräfte sich immer dazu.finden. Die besten Beweise hierfür liefern die zahllosen freiwilligen Vereine und Stiftungen, von denen die allerwenigsten durch die Gemeindeetats bestehen, sondern nur aus freiwilligen Gaben. Vor 1847 waren die Gemeinden in Brandenburg, Schlesien, Pommern und Preußen sich gänzlich selbst überlasten, und keine einzige löste sich auf. Die Hamburger Tempelgemeinde besteht über 50 Jahre, die Berliner Reformgemeinde 25, die Hirsch'sche Gemeinde in Frankfurt a/M. wohl auch schon an 20 16*