Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1870)
- Date
- 1870-04-12
- Page
- Seite 295 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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295 aus äußeren Motiven. Es werden zwei neue große Synagogen in Paris gebaut, deren Kosten zur Hälfte von Staat und Stadt getragen, zur Hälfte von den Juden selbst. Da mag schon manche Verlegenheit entstanden sei. Nun müssen diese doch, namentlich da die eine bald fertig ist, innerlich ausgeschmückt und mit allem Nöthigen versehen werden. Dazu bedarf man des Publicums und seines Eifers. Wenn wir blos solche äußerliche Motive voraussetzen, so kann uns dies seitens der französischen Consistorien nicht verdacht werden, da sie jeden Gedanken an innere Reformen fern zu halten stets beflissen waren. Daß sie zu einer allgemeinen Gemeindeversammlung ihre Zuflucht nehmen, ist erklärlich, weil in Frankreich zwischen den Consistorien und den Gemeinden jedes Mittelglied fehlt, wie z. B. in Deutschland die von den Gemeinden gewählten Repräsentantenversammlungen bilden. Aber es giebt jetzt in Paris 5—6000 Gemeindemitglieder. Wenn nun die Mehrzahl derselben käme? Wenn nun von einer Zahl derselben die gottesdienstliche Reformfrage angeregt würde? Wenn Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Verfassung der französischen Synagoge sich Lust machte — denn die Consistorien haben viele Gegner? Wenn die jüngst sogar im Senate ventilirte Frage über die Wahl der Rabbiner seitens der Gemeinden aufgeworfen würde u. s. w.? Wie schwer mit der Masse zu verhandeln ist, hat die jüngste Generalversammlung der Alliance isra61. univers. gezeigt. Die Vornahme einer solchen Gemeindeversammlung ist aber für das Consistorium ein gefährlicher Versuch, der aber zur Erweckung neuen Lebens innerhalb der französischen Synagoge sehr gute Folgen haben kann. Türkei. Coustantinopel, Ende März. (Arch. isr.) Jedes Jahr um die Zeit gegen Ostern gehen in den unteren Kreisen der christlichen Bevölkerung des Orients düstere Gerüchte von Kindesraub seitens der Juden. Sie ziehen aus ihnen, sagt man, das Blut, das sie zu ihren religiösen Peßachceremonien brauchen. Don wem gehen diese Gerüchte aus? Von dem Fanatismus einiger Elenden, welche die Unwissenheit der großen Masse benutzen. Das Jahr 1870 sollte in Coustantinopel keine Ausnahme von der Regel machen. — Vor einigen Tagen sah ein armer jüdischer Hausirer, als er durch die Straße von Kutschukbazar ging, am Rande eines Grabens ein Kind sitzen. Er glaubt das Kind in Gefahr, hebt es auf und will es einige Schritte davon niedersetzen, als auch schon die Vorübergehenden sich heulend und schreiend auf ihn stürzen und ihn mißhandeln. Die Sache macht Lärm, man spricht in dem Viertel von weiter nichts, jede Mutter zittert für ihre Kinder. — Am folgenden Tage kommen zwei jüdische Lumpensammler mit ihren Säcken voll Lumpen über den Stambul-Bazar. .Eine Frau glaubt den Schrei eines Kindes aus dem Sacke des Einen zu hören. Man greift die Unglücklichen an, zunächst tractirt man sie mit Faustschlägen, dann öffnet man die Säcke und findet — daß man sich geirrt hat. Andere Gewalrthaten wurden in verschiedenen Gegenden der Hauptstadt verübt, aber auf Einschreiten des Großrabbiners bei dem Groß Vezir beeilte sich dieser, an alle Blätter eine Verwarnung gegen die Urheber der Unruhen zu schicken, daß die Regierung dies nicht dulden würde, da „sie das Wohlergehen all' ihrer Untcrthanen ohne Unterschied der Race und der Religion wünsche." Hoffen wir, daß diese Note, wenigstens für dieses Jahr, ihre Wirkung haben wird. Vielleicht wird jedes Jahr um dieselbe Zeit eine ähnliche Erklärung solche Vorkommnisse verhüten, bis einmal die Gesinnungen der christlichen Bevölkerung die Höhe derer ihrer muselmännischen Regierung erreicht haben. Bei dieser Gelegenheit erließ der griechische Patriarch Gregorius von Coustantinopel folgendes Circulair, welches aus dem griechischen Journal „Iris" das Echo Danubien mitgetheilt: „Der Aberglaube ist eine schreckliche Sache. Leider sieht man unter allen Völkern des Orients die extravagante Idee verbreitet, die Juden tränken Menschenblut und besonders Christenblut, entweder un den Segen des Himmels dadurch zu verdienen oder um ihren alten Haß gegen die Christen zu befriedigen. Deshalb sieht man oft Beschuldigungen und Streitigkeiten erstehen, welche die sociale Harmonie der Bewohner eines und desselben Landes und Vaterlandes stören. Noch jüngst hat man Gerüchte von Kinderraub verbreitet, um derartigen Verdächtigungen und Beschuldigungen Borwand und Motiv zu geben. Was uns betrifft, so verabscheuen wir diese lügnerische Idee, wir betrachten sie als einen Aberglauben