Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1870)
- Date
- 1870-04-12
- Page
- Seite 294 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226760--28259-3302076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
294 dermann ist wohl einig darüber, daß diese zur Lebenslust des gegenwärtigen Menschen geworden. Aber es bedarf doch auch einer bestimmten Organisation, eines kirchlichen Verbandes, um den Cultus, den Religionsunterricht, die Bildung von Religionslehrern der verschiedenen Stufen und die vielen Wohlthätigkeitsanftalten, welche sich an die einzelnen Confessionen schließen, erhalten zu können. Wird nun dem Principe der Religionsfreiheit die unbedingteste Consequenz gegeben, so droht von der anderen Seite die völlige Auflösung, die Zersetzung, der Zerfall aller gemeinsamen Einrichtungen. Man steht demnach auch hier vor einer überaus dringlichen Frage und weiß sie nicht zu lösen. Dies hat sich jüngst wieder im österreichischen Reichsrathe und im ungarischen Unter- Hause erwiesen. Der Abgeordnete Rechbauer hat in jenen den Entwurf eines „Religionsedmes" eingebracht, welches die Religionsfreiheit in allen ihren Folgerungen zur Ausführung bringen und namentlich die letzten Reste des Concordates beseitigen will. Der neue Cultusminister ließ sich im desfallsigen Ausschuß hierüber aus, will von einem neuen Religionsedicte nichts wissen, denn die Principien seien schon in den Grundrechten enthalten, deren Verwirklichung aber durch Specialgesetze herbeigeführt werden müsse. Offenbar geht der Minister von der Ansicht aus, daß man nicht aus einmal durch das Princip alles Bestehende niederrennen dürfe, um mit dem Nichts ansangen zu sollen. Der Reichsrath wird darüber entscheiden. — 2m Unterhause zu Pest gab der Etat des Cultusministers die Gelegenheit, über Alles und Jedes aus Cultus und Schule zu sprechen. Da kamen denn auf dem Boden der principiellen Freiheit selbst die Gegensätze zu Tage, welche in allen Confessionen jetzt vorhanden sind. Der Abgeordnete Wahrmann, Israelit, klagte den Cultusminister an, daß er die Beschlüsse des von ihm selbst berufenen ungarisch-jüdischen Congresscs 'nicht zur Ausführung bringe. Hiergegen erhoben sich mehrere Abgeordnete, Zokai, Horvath u. A., um das Recht der den Congreß perhorrescirenoen Orthodoxen — die freilich, wenn sie auf dem Congresse die Mehrheit gehabt hätten, schwerlich das Freiheitsprincip zu ihrer Devise machen würden — zu wahren, und eben, wenigstens für die Juden, um der Freiheit willen jede Organisation zurückzuweisen. Die Orthodoxen in Pest haben deshalb dem Abgeorgnetcn Jokai, Herrn Horn u. A. einen Fackelzug und Wahrmann eine Katzenmusik gebracht. Diese Demonstrationen wollen nichts sagen. Doch glauben wir. daß die Anticongressianer, deren Energie und Thätigkeit anzuerkennen sind, zuletzt die Oberhand gewinnen werden. Hier und da wird dies zu vollständigen Spaltungen führen, und sich so auch auf der reformistischen Seite etwas Leben entwickeln. An den meisten Orten werden die Anhänger der letzteren sich auf ihre individuelle Freiheit zurückziehen und die Gemeinden machen lassen, was sie wollen. Italien. Florenz, im März. (Arch. isr.) Jüngst wurden der jüdischen Gemeinde von Florenz bedeutende Vermächtnisse von Herrn Banquier David Levi, Vicepräsident der Gesellschaft der römischen Eisenbahn, gemacht: unter Anderem hinterläßt er 10,000 Lire dem jüdischen Wohlthätigkeitsverein, 10,000 der jüdischen Schule für Künste und Handwerke; aber noch viel wichtiger ist, daß er, nachdem er seinen Verwandten, seinen Freunden, seinen Dienern und allen Angestellten im Bankhause eine Menge Legate vermacht, feststellt, daß der ganze übrige Rest seiner Hinterlassenschaft zum Bau einer Synagoge in Florenz bestimmt sei, die, ebenso wie das jüdische Hospital jener Stadt, unseres Cultus und der Hauptstadt Italiens würdig sei. Da es sich um ein Vermächtnis von zwei Millionen handelt, so verdient es wohl Erwähnung. Frankreich. Paris, im April. Das israelitische Consistorium von Paris hat beschlossen, gegen Ende April eine Versammlung sämmtlicher Gemeindemitglieder zu veranstalten, um die, die Gemeinde interessirenden Angelegenheiten zu berathen. Welche diese Gegenstände sein sollen, denn es muß doch eine Tagesordnung ausgestellt werden, vermochten die Pariser jüdischen Journale — es erscheinen jetzt deren vier — noch nicht anzugeben. Es ist dies eine Neuerung, welche bis jetzt in der hierarchischen Gestalt der französischen Synagoge unerhört war, und die ihr Mißliches haben kann. Wir erklären uns diesen Vorgang zumeist