Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-12 · Heft 15 (12.4.1870) · p. Seite 292

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 15 (12.4.1870)
Date
1870-04-12
Page
Seite 292 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226760--28257-3302074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

292 than, und so wollen wir hoffen, daß auch aus der Auflösung der Gemeindeverbände unsere Glaubensgenossen in Ungarn sich, wenn auch nach schweren Kämpfen, siegreich erheben und neue Gestaltung des Gemeindewesens erringen werden. Aus -em Tokayergebirge, 15. März. (Privatmitth.) Unser District harret noch immer der Organisation, obgleich der Districtscommissär bereits vor Monaten directe Wahlen ausgeschrieben hat. Aehnliches können wir von den benachbarten Districten melden. Jokai's und Zsedenyi's Reden, die beide vor kurzem im Landhause in Pest gehalten wurden, haben bei uns eine noch nie dagewesene Aufregung hervorgerufen. Insbesondere ist es der „Glaubenswächter," der seine ganze Thätigkeit abermals entfaltet und eine Trennung im Judemhum proclamirt. Laut einem uns vorliegenden Briefe soll die Deputation des Glaubenswächters vom Präsidenten des Reichstages die beruhigendsten Zusicherungen erhalten haben. Erhält das neue auf dem Tiscke des Hauses liegende Religionsgesetz Gesetzeskraft, so ist nichts leichter als die gewünschte Trennung, nur mögen unsere Orthodoxen nicht zu früh jubeln, da nach unserer Ueberzeugung eine dreifache Spaltung eintretcn wird. Haben doch unsere Chassidäer in ihrer jüngsten Versammlung zu Liszka den Beschluß gefaßt, fortan nur von einem Schochet im Stramel und Bekeschel (Turban und Umhüllung) schlachten zu lassen und ein solcher ist in einem geheiligten Gewände in Ujhely eingerückt und hat trotz Verbot der Gemeinde und des Oberrabbi sein Amt bereits angetreten. Wir haben von Anfang an, um so mehr bei den Wahlen zum Congresse, wo nur zu sehr die Leidenschaft die Oberhand gewann, auf die traurigen Folgen, welche die Parteibestrebungen in manchen Gegenden Ungarns nach sich ziehen, in diesen Blättern aufmerksam gemacht und können uns auch heute damit, daß man die heiligsten Tinge in den Reichstag hineinträgt, nicht befteunden. Eine Trennung im Judenthum bleibt unter allen Bedingungen heillos in chren Folgen, eine Trennung in der Gemeinde kann ihre guten Folgen in großen Cultusgemeinden und in gebildeten Gegenden haben, bei uns in Oberungarn, wo der Chassidismus seit Jahren den Boden unterwühlt, ist sie für die Orthodoxie am gefährlichsten. Man sicht sämmtlichen Reden, die im Reichstage in der Congreßangelegenheit gehalten wurden, an, daß man nichts versäumte, um den Deputirten unsere Zustände im grellsten Lichte zu malen. Aber waren sie vordem besser, waren nicht ganze Ballen mit Bittgesuchen in Schul- und Synagogenangelegenheiten bei der Statthalterei gehäuft, wurde nicht die Gitterftage in Losonc im Wege der Comitatsbehörde, die Differenzen in Kaschau im Wege des Cultusministeriums gelöst? Die Lösung unserer Zustände liegt in dem einen Wörtchen: Licht! Ja Licht muß kommen von unten nach oben und erst dann können wir geregelte Zustände erwarten. Erst müffen wir gute Schulen haben, selbst in der kleinsten Gemeinde, erst muß unsere ungarisch-jüdische Literatur erstarken, bevor wir in Oberungarn an geregelte Verhältnisse denken dürfen. Zum Schluffe unseres Berichtes die erfreuliche Nachricht, daß seitens der Comitate Zemplin, Ungh und Abauj auch Israeliten in den Comitatsschulrath berufen wurden; und daß die Berufung des confessionellen Vertreters nur darum unterblieb, weil diese Districte noch nicht organisirt sind. Von unserem Cultusminister Baron Joseph v. Eötvös wurden die Schulinspcctoren angewiesen, auch an den Staatsseminarien israel. Religionslehrer anzustellen und werden diese gleich denen der christlichen Confession aus Staatsmitteln besoldet werden. Oberlehrer I. I. Rosenmeyer. Aus dem Tokayergebirge, im März. (Privatmitth.) Bei Gelegenheit des Fackelzuges, welcher in Pest vor Kurzem Zsedsnyi, GyzY und Jokai gebracht wurde, sagte der letztere unter andern: „Das Wiffen und der Glaube sind zwei collidirende Mächte, die sich einander bekämpfen und gegenüber stehen, wie Feuer und Wasser." Da Herr Tenzer, ehemaliger Redacteur des „Magyar Izraelita" als Sprecher fungirte, so möchten wir hiermit genannten Herrn ersucht haben, Herrn Jokai auf „Philippson's weltbewegende Fragen" aufmerksam zu machen, und Jokai dürfte erfahren, daß dieser Widerspruch nicht besteht. Bei der jüngsten Vorlesung, die im Fortbildungsverein zu S. a. Ujhely Herr Candidat Dr. Friedlieber hielt, machte dieser in seiner mit großem Beifall aufgenommenen Rede auf Philippson's weltbewegende Fragen und insbesondere auf jenes Kapitel, welches das Nationalitätsprincip behandelt, aufmerk-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.