Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1870)
- Date
- 1870-04-12
- Page
- Seite 291 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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291 So oft wir nach Verlaus eines Jahres vor die geehrten Mitglieder unseres Vereines hintraten, um über das Wirken und Gedeihen desselben Rechenschaft abzulegen, waren wir von der Zuversicht durchdrungen daß unser Verein immer größere Anerkennung und Unterstützung finden werde bei allen denen, welche zur Einsicht gelangt sind, daß die Pflege der Wissenschaft und die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnis, oder, um einen alten, heimischen Ausdruck zu gebrauchen, daß „Talmud Tora" in unserer Zeit der religiösen Kämpfe und Parteiungen noch dringender und wichtiger ist als in früheren Tagen — und diese Zuversicht hat uns nicht getäuscht; denn das letzte Vereinsjahr hat unserem „Bet Ha-Midrasch" viele neue Sympathien zugewendet, den Fond desselben vergrößert, und die Bibliothek, welche bereits zu den größten öffentlichen hebräischen Büchersammlungen zählt, bedeutend vermehrt. Herr Franz Fein, gestorben am 3. Juli v. I., der durch seine hochherzigen Stiftungen ein unvergängliches Denkmal in unserer Gemeinde sich errichtete, hat unserm Vereine die namhafte Summe von 1000 fl. mit der Bestimmung legirt, daß die jährlichen Zinsen derselben als Beitrag zur Drucklegung solcher Werke verwendet werden sollen, welche die jüdische Wissenschaft bereichern. Durch diesen Fond, der, wie wir hoffen, im Laufe der Zeit durch neue Schenkungen vergrößert werden dürfte, sind wir in den Stand gesetzt, einen unserer Lieblingswünsche, welchen alle Freunde der Wissenschaft gewiß mit uns theilen, auszuführen: nämlich tüchtigen jüdischen Forschern es möglich zu machen, die Resultate ihrer gelehrten Untersuchung durch den Druck zu veröffentlichen, da es ihnen bei der geringen Anzahl von Käufern hebräisch geschriebener oder streng gelehrter Werke nur zu oft schwer wird, einen Verleger zu finden, und sie daher genöchigt sind, ihre Schriften auf eigene Kosten drucken zu lassen. So haben wir bereits zum Theil aus der Fein'schen Stiftung ein für die Kenntniß des jüdischen Alterthums sehr wichtiges Werk unterstützt, welches bald die Presse verlassen wird. Außerdem haben Dr. Kuranda in Wien und die HH. L. und G. Katz in Proßnitz die Bibliotheken ihrer verstorbenen resp. Väter, die erstcre in 311 Bänden, die zweite in 344 Bänden bestehend, der Bibliothek des Vereines geschenkt. Der Verein besitzt gegenwärtig 17750 fl. an Effecten und 3,403 fl. baar; für laufende Ausgaben nahm er im Jahre 1869 3,038 fl. ein, wovon 34 fl. in Cassa blieben. Die regelmäßigen jährlichen Beiträge betrugen 1140 fl. Freilich kann man sich von diesen Resultaten nicht ganz unbefriedigt fühlen: vergleicht man sie aber mit den großen Ressourcen, welche den Wohlthätigkeitsansralten hies. Ortes zu Gebote stehen, so erkennt man auch hierbei, wie unbegrenzt von unseren Glaubensgenossen in unserer Zeit Wohlthätigkeitsanstalten befördert werden, und wie außerordentlich schwer es ist, ihnen für jüdisch-wissenschaftliche Zwecke ein Interesse und eine Bethätigung abzugewinnen. Wien, im März. sPrivatmitlh.) Der „27. Jahresbericht des Vereines zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten" zählte im verflossenen Jahre 261 Zöglinge, von denen 36 ihre Lehrzeit vollendeten, 81 ausgenommen wurden. In gleichem Maße wächst die Zahl neuer Mitglieder (410 gegen 381 des v. I.) und der Legate und Schenkungen. Die Einnahmen betrugen 7735 fl., die Ausgaben 6553; das Bereinscapital stieg auf 36838 fl. Möge sich der Wohlthätigkeitssinn der Wiener Israeliten auch fernerhin so bewähren, die Früchte zeigen sich sichtbarlich! Pest, 1. April. (Privatmitth.) Ihre Bemerkung in einer der letzten Nrn. Ihrer Zeitung, daß man seitens der Parlamente immer geneigt sein wird, das Princip der unbedingten Religionsfteiheit, und damit der Auflösung aller religiösen Gemeindeverfassungen zuerst gegen die Juden anzuwenden, während man den Bestand der christlichen Gemeinden auf Grund der bisherigen Kirchenverfassungen auf's Aeußerste schont, bestätigt sich auch hier. Der Ausschuß des ungarischen Unterhauses zur Berathung des von Eötvös vorgelegten Entwurfs eines Religionsfreiheitsgesetzes zeigt sich gegen diesen sehr feindlich, weil er eben jenes Princip auch in das christliche Lager zu tragen übernimmt. Dieselben Herren also, welche die Aufhebung alles Gemeindezwanges bei den Juden mit Eljen begrüßten, wollen von dieser in den christlichen Kirchen nichts wissen. Es ist dies gerade so wie in Preußen, wo man 1847 den Juden die obligatorische Civilehe dictirte, während man sie für die Christen noch heute perhorrescirt. Nun, dies hat der religiösen Eheschließung bei den Juden in Preußen keinen Abbruch ge- 15*