Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1870)
- Date
- 1870-04-12
- Page
- Seite 290 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226760--28255-3302072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
290 ( dieselben zum Uebertritt in den Schooß der katholischen Kirche aufzufordern. Die Mauer, welche ehedem Ghetto genannt worden sei, und von welcher die Juden des Mittelalters selbst (?) umgeben und geschützt sein wollten, sei längst gefallen. Das Band des Talmuds, das sie mit ihrer Religion verbunden, sei durch Rationalismus und Jndifferentismus zerrissen; es sei daher an der Zeit, daß das Concil die Israeliten, die in der heutigen Gesellschaft ein großes Gewicht hätten, unter seine Fittige nehme. Malitiös fügt der „Tygodnik" hinzu: Die Brüder Leman haben sich trotz ihres Uebertritts zum Katholicismus ihrer großen Liebe zu ihren früheren Glaubensgenossen nicht begeben. Sie machen gewaltige Anstrengungen, um dieses harte, eigensinnige und schlimme Volk, wie es ein polnischer Poet nennt, zur Bekenntniß der wahren Religion hinüber zu lenken. Sie ha ben ein Werk über den Messias herausgegeben und correspondiren mit dem Redacteur des bedeutenden jüdischen Organs „L’Uuivers isra&ite," um ihn zu überzeugen, daß die Juden vergebens auf den Messias warten, der längst gekommen sei. Die Petition der Gebrüder Leman, die voll heißer begeisterter Liebe zu den Kindern Israels ist, wird — so hofft der „Tyg. kat." — ohne Zweifel die Herzen der heiligen Väter rühren und zur Gewährung des darin ausgesprochenen Wunsches bewegen." So weit das katholische Blatt. Auch wir wünschen, daß das Concil auf diese Petition eingehe, und das Dogma der „unbefleckten Empfängniß" in der einen, die päpstliche Unfehlbarkeit in der anderen Hand, und den Shllabus mit allen Verfluchungssätzen auf der Brust tragend, zu den Juden trete und sie in den Schooß der römischen Kirche zu kommen einlade. Das Concil würde nur ein verdientes Dementi, um nicht mehr zu sagen, mehr erhalten, gerade wie der Papst von seiner Einladung an die Protestanten. Was wir übrigens von der Liebe abtrünniger Juden zu ihren früheren Glaubensgenossen halten, brauchen wir nicht auszudrücken. Wir Juden sind gewohnt, dergleichen Auslassungen mit dem Stillschweigen der Verachtung zu beantworten. München, 29. März. (Privatmitth.) Heute haben wir hier einen Mann zur Erde bestattet, dessen bedeutende Lebensstellung sich in der allgemeinen Theilnahme und in dem zahlreichen Gefolge kund gab, das ihm das letzte Geleite gab. Herr Lippmanu Marx, noch einer der wenigen Zurückgebliebenen aus dem Hause der Gebrüder Marx, das so viele Jahrzehnte in Ansehen und Achtung stand, war der würdige Sprosse einer Familie, die hier zu den ersten zählte. Schon frühzeitig war er nicht nur in unserer Cultusgemeinde hervorragend und zuletzt an die Spitze derselben gestellt, sondern auch in vielen andern Zweigen, in der städtischen Verwaltung, bei der königl. Bank, bei der Landwehr, überall nahm er eine bevorzugte Stellung ein, wozu ihn geistige Begabung und Charakterstärke vor allem befähigte. Und dieser Mann sollte leider die Früchte seines thatenreichen Lebens nicht mehr genießen. Denn kurz nachdem er im Jahre 1864 zum allgemeinen Bedauern aus dem Amte als Cultusvorstand schied, wurde er von einem körperlichen Leiden ergriffen, das gerade die edelsten Theile, womit er sich so hohe Anerkennung erwarb, seine Geisteskräfte zerstörte, und das ihn bis zum letzten Momente nicht mehr verließ. Dieses Mißgeschick ist um so beklagenswerrher in einer Zeit, wie die unsrige, wo es an gesinnungsvollen und thatkräftigen Männern noch thut. Eine der jüngsten Nummern dieser geschätzten Blätter brachte einen gediegenen Artikel über den bedauerlichen Zustand der jetzigen Parteien im Judenthmne, wo der Kamps gegenseitig auf so niedrige und gehässige Weise geführt wird, und die zunehmende Verketzerung einer- und der wachsende Jndifferentismus andererseits das schlimmste befürchten läßt. Die Wahrheit dieser Schilderung findet auch in hiesigen Zuständen schon mannigfache Anzeichen, obschon hier, dem Himmel sei Dank, der Friede, wenn auch mühsam, noch gewahrt ist. Noch lebt der Geist des Friedens und der Einigkeit, wie er von dem selig Entschlafenen gepflegt wurde, zum Lobe sei es gesagt, in der gegenwärtigen Verwaltung fort. Möge es auch ferner so sein, und damit dem Heimgegangenen das schönste Denkmal bewahrt bleiben. K . . . Oesterreichischungarische Monarchie. Wien, im März. (Privatmitth.) Der „Rechnungs- Ausweis des Vereines Wiener Bet ha-Midrasch für das Jahr 1869" ist erschienen und beginnt mit folgender Auslassung: