Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1870)
- Date
- 1870-04-12
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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287 zurückzuführen. Ja, wir halben in der Gegenwart das dringende Bedürfniß, auf jene Periode und ihre schweren Folgen immer wieder zurückzuweifen, weil, wenn auch das Judenthum im Ganzen über diese Gefahr hinausgehoben worden und sie besiegt hat, sie doch fürzahlreiche Individuen sich noch heute wiederholt, theils für solche, welche aus streng orthodoxen Häusern hervorgehen, theils aus Osten einwandern, sich in die Fluchen des öffentlichen, des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens werfen, der väterlichen Orthodoxie sich plötzlich entwinden und von dem entwickelten und gehobenen Judenthume keine Kenntniß nehmen. Beispiele dieser Art wandeln allzu häufig vor unseren Augen. *) *) Wenn es für unser obiges Urcheil der Belege benöchigte, fände man sie selbst schon in dem Artikel des Herrn Hillebrand. Er theilt z. B. einen Brief von Schleiermacher, dem intimen Freunde der Henriette Herz, an seine Schwester mit, welche sich beunruhigte, daß er mit einer Jüdin umgehe. Er sagt am Schlüsse: „wenn es sich um Freundschaft handelt, so kann und muß man von solchen äußerlichen Umständen absehen." Die Religion war also diesen Leuten ein „äußerlicher Umstand." Freilich, Schleiermacher änderte diese seine Ansicht, und wurde sogar eifriger Judenbekehrer. Bei diesen Jüdinnen aber blieb sie ein „äußerlicher Umstand," von dem sie sich zuletzt frei machten. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 3. April. Als eine neue Erscheinung begrüßen wir: „Blätter aus der Michael-David'schen Stiftung in Hannover" (Hannover, Brandes, 1870). Die genannte Stiftung unterhält seit mehr als einem Jahrhundert je drei Stiftsgelehrte, welche sich mit dem Studium der jüdischen Theologie zu beschäftigen haben. Es ist eine sehr zu billigende Neuerung, daß diese Gelehrten auch von Zeit zu Zeit aus den Mitteln der Stiftung Abhandlungen herausgeben wollen und mit dem vorliegenden Hefte den Anfang gemacht haben. Den Hauptraum desselben nimmt ein: „Ehrenrettung des R. Jonathan Eibeschütz, ein Beitrag zur Kritik des Gratz'schen Geschichtswerkes, von vr. Jacob Coshn." Der Verfasser zeigt, indem er Satz für Satz die Darstellung von Jonathan Eibeschütz im 10. Bande der Geschichte von Grätz durchnimmt, wie dieser Geschichtsschreiber mit unerhörter Parteilichkeit, um das Gegentheil zu sagen, wie die früheren Historiker und Biographen, den im Leben so hart geprüften und viel verfolgten Eibeschütz der härtesten Bernrtheilung preisgiebt, wie er lediglich aus den Schriften der Gegner seine Beweist zieht, ohne auf Eibefchütz und seine Bertheidiger zu achten, den Schritten desselben die gemeinsten Motive unterschiebt, ja sogar die Citate verstümmelt, indem er wichtige, mehrmals das gerade Gegentheil aussagende Wörter ausläßt. Es wird dem vr. Grätz sehr schwer werden, diese Beweisführung zu widerlegen, und wir gestehen offen, daß uns diese Aufdeckung des Verfahrens des vr. Grätz in das größte Erstaunen versetzt und sehr geschmerzt hat. Denn obgleich wir uns niemals verhehlten, und es mehrmals selbst ausgesprochen, daß vr. Grätz sich allzusehr von der Hypothesensucht hat beherrschen lassen, so daß seinen Darstellungen eine strenge und treue historische Kritik nicht zuzuschreiben ist, und uns davon in einigen Partien seines Werkes überzeugt hatten und aus den letzten Bänden immer mehr überzeugten, so hielten wir doch eine so weit gehende Unkritik und Parteilichkeit nicht für möglich. Jene Ueberzeugung, im Zusammentreffen mit den ersten Heften der Gratz'schen Monatsschrift des v. I., hatte uns bewogen, nach unserem Rechte das Manuscript des 11. Bandes zur Einsicht zu verlangen, bevor wir ihn durch das Institut veröffentlichten, und die Abhandlund des Hrn. vr. Cohn in Hannover bezeugt mit siegender Kraft, daß wir nur pflichtgemäß gehandelt haben. Denn wenn früher Kritiken dem Geschichtswerke des vr. Grätz Schwachen nachgewiesen hatten, so konnte dies bei einem so bedeutenden und umfangreichen Werke, dessen Bände sich noch dazu rasch folgten, nicht weiter auffallen. Hier aber liegt eine Anklage vor, welche tiefer geht als die bloßen Schwächen einer historischen Darstellung. — Mittheilungen über die Geschichte der Stiftungen von vr. Max Landsberg und eine hebräische Abhandlung über die beiden Monate Adar von I. I. Krimke bilden den weiteren Inhalt des Heftes.